Diskurskultur und politische Bildung
Die Evangelischen Akademien in einer Zeit der Transformation
Die Evangelischen Akademien wurden nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schoah gegründet. Ihrer Idee liegt eine Überzeugung zugrunde: Der Protestantismus trägt nach seinem Versagen im Nationalsozialismus eine besondere Verantwortung für die Gestaltung eines demokratischen Deutschlands. Zentrale Aufgabe der Evangelischen Akademien ist es, dauerhaft und nachhaltig zur Demokratisierung unserer Gesellschaft beizutragen und für die Achtung der Menschenwürde einzutreten.
Diesen Gründungsauftrag setzen die Evangelischen Akademien engagiert um, indem sie gesellschaftliche Gespräche organisieren, protestantische Perspektiven einbringen und Kontroversen ein Forum geben. Als Orte des argumentativen Aushandelns und der gedanklichen Durchdringung von Krisen und Konflikten ermöglichen sie Debatten und tragen zur Entwicklung von Lösungen bei.
Die Veranstaltungsformate sind vielfältig – es gibt Podiumsdiskussionen und ähnliche dialogische Angebote, offene Tagungen, geschlossene Fach- und Hintergrundgespräche, mehrtägige Studienreisen, Ausstellungen, digitale Workshops und vieles mehr. Im Kern geht es immer darum, eine bestimmte Diskurskultur und politische Bildung zu ermöglichen. Das einzigartige Diskursklima der Akademien ist von Gastfreundschaft, Aufmerksamkeit und gegenseitigem Respekt geprägt. Von großer Bedeutung ist die einladende Atmosphäre der Tagungsorte, das Gefühl, willkommen zu sein, und der Raum, der hier auch jenseits sachbezogener Debatten für Begegnungen und Gespräche zur Verfügung steht.
Inhaltlich wagen sich die Akademien aus der Komfortzone: Es geht um Themen wie globale Gerechtigkeit, Friedensethik, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Asylpolitik, künstliche Intelligenz, ökologische Transformation, soziale Ungleichheit, Klima- und Energiepolitik sowie medizinethische Belange. Auch der Dialog mit zeitgenössischer Kunst, Literatur, Film und Theater wird gesucht. Die 15 Akademien im Bundesgebiet bringen je nach Region eigene Schwerpunkte und Akzente ein. Zwei Themen erweisen sich als akademieübergreifend relevant, da sie sich auf die Rahmenbedingungen der Akademiearbeit selbst unmittelbar auswirken: die sozial-ökologische Transformation und die Digitalisierung.
Mit ihren politischen Bildungsangeboten leisten die Akademien einen Beitrag zur Stärkung und Widerstandsfähigkeit demokratischer Kultur. Sie sind Orte, an denen unterschiedliche oder entgegengesetzte Interessen, Widersprüche, ungleiche Machtpositionen und plurale Identitäten auf Augenhöhe formuliert und verhandelt werden können. Sie bleiben dabei nicht bei der Analyse von gesellschaftlichen Realitäten und Missständen stehen, sondern verstehen sich vielmehr als Zeuginnen der Hoffnung. Sie wollen den Sinn fürs Mögliche wecken und dabei die Zuversicht hochhalten, dass sich Entwicklungen zum Besseren verändern lassen.
In jährlich rund 1.700 Veranstaltungen erreichen die Evangelischen Akademien über 50.000 kirchennahe wie kirchenferne Menschen aller Generationen und Berufsgruppen. Sie bieten auch jenen Kirchenmitgliedern eine Kontaktfläche, die sich neuen oder unkonventionellen Formen kirchlichen Handelns zuwenden. Der Anteil junger Menschen unter 27 Jahren liegt bei 20 Prozent – eine wichtige Zukunftsressource für die Kirche.
Inmitten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen wollen die Evangelischen Akademien suchende Organisationen bleiben, die sich durch Offenheit für ihre eigene Veränderbarkeit auszeichnen. Auch in Zukunft stehen sie ein für einen im besten Sinne streitbaren, selbstreflexiven und zugleich gemeinwohlorientierten Protestantismus.
