23. September 2026 | Evangelische Akademien in Deutschland e. V.
"Wir werden weiter allen Angebote machen und gleichzeitig klar Haltung zeigen."
3 Fragen an Friedrich Kramer, Landesbischof der EKM
EAD: Ob Krieg in Europa, Wirtschaftsflaute oder Klimakrise: Schlechte Nachrichten scheinen das Tagesgeschehen zu dominieren. Wie gelingt es in diesen Zeiten, Hoffnung zu stiften, ohne naiv zu wirken?
Friedrich Kramer: Die Situation ist komplex und dramatisch an vielen Stellen. Das ist völlig unbestritten. Und jeder, der Augen und Ohren hat, kann das hören.
Gleichzeitig bewährt sich Hoffnung ja gerade in solchen Situationen und hat nichts mit Naivität zu tun – ganz im Gegenteil. Denn naiv wäre es, zu meinen, man käme mit einfachen Antworten aus den Problemlagen heraus oder man könnte durch eine einzige Lösung alles verändern, sodass es sofort gut wird. Das ist zu einfach und nicht zu leisten; und es funktioniert auch nicht.
Sondern Hoffnung ist ja gerade eine Hoffnung gegen den Augenschein. Sie ist eine Hoffnung bei uns Christen, die nicht darauf setzt, dass immer und überall alles sofort gut ist, sondern die einen tiefen Grund darin hat, dass durch Leiden, durch Entbehrung, durch Verwerfung und Verzweiflung hindurch Gott uns trägt.
Und insofern ist die Hoffnung hier auch eine, die eine Widerhoffnung ist: eine Hoffnung, die sich auch gegen die schwierigen Situationen erhebt. Und diese Hoffnung speist sich für uns Christen aus unserem Glauben.
EAD: Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt wird mitunter als Zäsur bewertet. Gibt es etwas, was Ihnen in diesem Kontext dennoch Hoffnung macht?
Friedrich Kramer: Zuerst einmal war es so, dass drei, vier Monate vor der Wahl – also als das vorläufige Regierungsprogramm, das sogenannte, der AfD erschien – sich so ein Mehltau ausgebreitet hat, den ich an vielen Stellen in Sachsen-Anhalt wahrgenommen habe: „Wieso? Die laufen sowieso durch, da kann man kaum etwas machen. Die sind geschickt. Die AfD ist nicht aufzuhalten.“
Und das war auch im Bundeskontext so, dass vom „Failed State Sachsen-Anhalt“ schon offen gesprochen wurde.
Die Zivilgesellschaft und auch die Kirchen haben dagegen sich verbunden und eine wichtige Rolle gespielt. Wir haben ganz klar angefangen zu überlegen: Wie können wir uns für eine vielfältige Gesellschaft, für eine bunte Zivilgesellschaft, für Menschenfreundlichkeit und für Vielfalt einsetzen?
Und das ist in großartiger Weise gelungen – mit fantastischen Hoffnungskulturfesten, großen Demonstrationen und Feiern in Magdeburg und Halle.
Wir haben dadurch richtig Hoffnung getankt, weil wir gemerkt haben: Wir sind wirklich viele, die engagiert sind, und es gibt Hunderte Initiativen. Das ist großartig.
Das Ergebnis war natürlich dann ernüchternd, weil keine reale Regierungsbildung in Sicht ist. Aber das Ziel, das sich die AfD gesetzt hat – 45 plus X –, ist nicht erfüllt worden. Auch wenn sie natürlich klare Siegerin dieser Wahl ist, hat sie ihr Ziel, nämlich die absolute Mehrheit, nicht erreicht.
Und ich finde, das zeigt: Wenn wir uns zeigen, wenn wir uns miteinander vernetzen und nicht in die einzelne Frustration gehen, sondern gesellschaftlich zusammenstehen, dann ist es möglich, dass die Mehrheiten so sind, dass man nicht einfach mit menschenverachtender Politik durchregieren kann.
Das macht Hoffnung.
Auch die Kirche selbst ist zum Gegenstand des Wahlkampfs geworden. Wie viel Haltung braucht Kirche, um für ihre Werte einzustehen? Wie viel Haltung verträgt sie, um gleichzeitig allen Menschen ein Angebot zu machen?
Friedrich Kramer: Das ist ja eine ganz uralte Frage, auch aus dem Akademiekontext: Forum oder Faktor? Also: An welchen Stellen musst du dich positionieren, an welchen musst du ein fairer Mittler verschiedener Positionen sein?
Und genau diese Ambivalenz brauchen wir als Kirche in Mitteldeutschland und hier überhaupt im ganzen Osten Deutschlands und auch in anderen Teilen der Republik: dass wir zum einen immer mit Herz und nicht mit Hetze Menschen begegnen, also egal welche Positionen sie vertreten, offen und freundlich miteinander umgehen;
dass wir gleichzeitig klar markieren, was der christliche Glaube uns sagt und wo er in diametralem Gegensatz zu einer menschenverachtenden und auch böswillig denkenden Politik und Grundstruktur steht.
Für uns war es immer wichtig, nicht nach vorne zu stellen, wo wir bedroht sind. Da werden wir uns juristisch wehren, wie wir das können. Sondern nach vorne zu stellen, was mit den Menschen mit Migrationshintergrund, mit Inklusionsbedarf und auch mit Frauen geschieht – zum Beispiel durch bestimmte Familien- und Männerbilder und durch das, was das für Gewalt gegen Frauen heißt.
Also Themen nach vorne zu stellen, die viele Menschen in der Gesellschaft beunruhigen und beschäftigen und bei denen wir als Kirche zum einen sicherer Raum für Menschen sein wollen, die bedroht sind, zum anderen aber auch ein Raum, in dem offener Austausch nach unseren Regeln möglich ist.
Und die Akademien sind hier ein wunderbares Beispiel dafür, wo das an vielen Stellen in großartiger Weise gelingt.
Das heißt: Wir werden weiter allen Angebote machen und gleichzeitig klar Haltung zeigen.

Bild: Anne Hornemann
Friedrich Kramer ist Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Friedensbeauftragter der EKD.
