Evangelische Akademien Deutschland
13. August 2025 | Christoph Picker, Direktor der Evangelischen Akademie der Pfalz

Wir werden sie nicht los: Ohne Tabus kein Diskurs

Bericht von den Südwestdeutschen Medientagen 2025


Die 9. Südwestdeutschen Medientage der Evangelischen Akademie der Pfalz und anderer Partner*innen drehten sich im Juni 2025 um die Frage, wie sich Journalist*innen und andere öffentliche Akteur*innen gesellschaftlichen Tabuzonen nähern. Die rund 250 Teilnehmenden kamen zu überraschenden und widersprüchlichen Einsichten – und erfuhren nebenbei einiges über das Ende der Ampelkoalition im November 2024. Die Landauer Tagung wurde gefördert von der Bundeszentrale und der rheinland-pfälzischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie fand in Verbindung mit dem SWR Demokratieforum auf dem Hambacher Schloss statt.

Deine Tabus sind nicht meine Tabus

In der offen gestalteten Auftaktphase der Tagung wurde unmittelbar klar: Was als »Tabu« empfunden wird, ist genauso unterschiedlich wie die positive oder negative Konnotation, die dem Phänomen beigelegt wird. Tendenziell wurden Tabus eher als etwas zu Überwindendes angesehen. An erster Stelle rangierten Tabus zu Tod, Rassismus, Sexualität, Geld, Antisemitismus und Israelkritik. Erstaunlich war eine Selbsterkenntnis: Bei näherem Hinsehen merken auch Menschen, die sich für sehr aufgeklärt halten, wie stark sie von Tabus geprägt sind. Wenn alle Journalist*innen, Öffentlichkeitsarbeiter*innen, Politiker*innen und Bürger*innen ihre bewussten oder unbewussten Tabus haben, dann ist tabuloser Diskurs eine Illusion.

Tabu als Modewort

Die Kommunikationswissenschaftlerin Melanie Hellwig eröffnete die Tagung mit einer wissenschaftlichen Definition des Begriffs als »Sachverhalt mit starker Markierung«. Kriterien im engeren Sinne sind Normativität, Verhaltensvorgabe, Absolutheit, religiöse oder quasi-religiöse Qualifikation, Sanktionsbewehrung, Schutzfunktion und identitätsbildende Funktion. Wenn man diese strenge Definition zum Maßstab macht, verdient Vieles, was landläufig und inflationär als »Tabu« bezeichnet wird, diesen Namen nicht. Was aber macht den Tabu-Begriff in der nichtwissenschaftlichen Debatte so attraktiv? Er markiert Züge des öffentlichen Diskurses, die in einer freiheitlichen, an Rationalität orientierten Kultur leicht übersehen, negiert oder für Unangemessen gehalten werden.

Populistische Strategien: Tabubruch als Methode – Tabuisierung als Vorwurf

Der Slot »Tabubruch als Methode« demonstrierte die Dynamik digitaler Entgrenzung. Martin Fehrensen veranschaulichte die nahezu unbeschränkte Enttabuisierung von Diskursen im Netz und erläuterte die ökonomischen, rechtlichen, technischen und kommunikativen Logiken, die dahinterstehen. Die Germanistin Melanie Schröter machte deutlich, dass der populäre Gestus des »Tabubruchs« und der Vorwurf der »Tabuisierung« strategisch genutzt wird – und dass die damit verbundene Ausnutzung einer demokratischen Diskurskultur die Demokratie gefährdet. Kontrovers diskutiert wurde, welche Spielräume Politiker*innen, Journalist*innen und Medienhäuser haben, diesen destruktiven Mechanismen zu entgehen. Der Spitzensatz in der Diskussion lautete: »Wenn Journalist*innen die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie mitgehen, schaffen sie sich selbst ab.«

Sensibles sensibel behandeln: Fallbeispiel Israel

Das Panel »Über Israel reden« beschäftigte sich mit einem besonders sensiblen Fallbeispiel, das in Medien, Politik und politischer Bildung häufig nur mit spitzen Fingern angefasst wird, weil hier diskursives Eskalationspotential liegt. Eine Bereicherung war der unaufgeregte und differenzierte Auftritt des Künstlers Luigi Toscano. Beeindruckend war sein Plädoyer dafür, in Beziehungen unterschiedliche Positionen zu ertragen, Perspektivwechsel einzuüben und im Kontakt zu bleiben. Künstlerisches Schaffen bietet möglicherweise besondere Chancen, Ambivalenzen und Unfertiges zuzulassen. Im politischen und medialen Diskurs legt es sich nahe, sensible Themen tatsächlich auch einfühlsam, differenziert und mit der gebotenen Zurückhaltung zu behandeln – statt mit der rhetorischen Brechstange zu arbeiten.

Diskussionspanel bei den Südwestdeutschen Medientagen 2025.

Bei den 9. Südwestdeutschen Medientagen diskutierten u.a. der ehemalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing sowie Psychater und Therapeut Josef Aldenhoff. © Evangelische Akademie der Pfalz

Das Scheitern einkalkulieren?

Das Abschlussspodium bestätigte die Annahme, dass Scheitern zu den tabuisierten Themen in Politik und Medien gehört. Der ehemalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing gab Einblicke in seine Regierungserfahrung und das Auseinanderbrechen der Ampel-Koalition. Seiner Einschätzung nach wurde in der Ampel das Scheitern von Anfang an, bewusst und letztlich destruktiv als Machtoption einkalkuliert. Er empfahl auszuhalten, dass nicht immer alles nach dem eigenen Kopf und Willen geht – und dass das gar nicht in jedem Fall schlecht ist. Christlich-religiös argumentierte er mit der Allmacht und Allwissenheit Gottes. Der Psychiater und Therapeut Josef Aldenhoff plädierte hingegen dafür, das Scheitern als existenzielle Realität anzuerkennen und zu berücksichtigen. Das diene nicht nur der seelischen Gesundheit, sondern auch der Demokratie. Es bewahrt vor Unfehlbarkeitsphantasien und illusionären Erwartungen an politisches Handeln – und damit vor Autoritarismus und Demokratieverdrossenheit. Wissing mahnte, dass die Demokratie im Wesentlichen von der Haltung der Bürger*innen abhängt. Kontrovers diskutiert wurde seine Einschätzung von einer überakzentuiert negativen journalistischen Berichterstattung über die Ampelkoalition.

Tabus schützen

Ziel der Tagung war es, die politische Bedeutung von Tabus, Tabuisierungen und Tabubrüchen zu beleuchten, die entsprechenden Logiken der öffentlichen Kommunikation auszuloten und zu einem angemessenen, dem demokratischen Diskurs förderlichen kommunikativen Umgang mit Tabus und sensiblen Themen anzuleiten. Ein Hauptergebnis war die historische, soziale und individuelle Kontingenz dessen, was jeweils als Tabu empfunden und benannt wird. In hochdifferenzierten, modernen Gesellschaften sind gemeinsame Tabus kaum noch möglich. Jedenfalls erfordert es kontinuierliche Aushandlungsprozesse, was öffentlich wie gesagt werden kann und soll. Dabei sind Tabus ambivalent. Einerseits haben sie Zwangscharakter und beschränken den Diskurs. Andererseits wirken sie als Schutz, weil sie gefährliche und unsichere Zonen markieren, Eskalationen verhindern und Schwache schonen. Empirisch sind sie allgegenwärtig. Diskurs ohne Tabus gibt es nicht. Umgekehrt gilt aber auch: Ohne die Schutzfunktion von Tabus beraubt sich der freiheitliche Diskurs seiner eigenen Grundlage: Ohne Tabus gibt es keinen Diskurs.

 

Weiterführende Links:

Südwestdeutsche Medientage

Tabu – Südwestdeutsche Medientage 2025 (Evangelische Akademie der Pfalz)

Tabus in unserer Gesellschaft – SWR Demokratieforum (ARD-Mediathek)

 

Kontakt: Christoph Picker