Evangelische Akademien Deutschland
8. September 2025 | Evangelische Akademien in Deutschland e. V.

"Ich wünsche mir mehr Wahrhaftigkeit, mehr Positionierung von Einzelnen und weniger dogmatisches Vorschreiben"

3 Fragen an Dr. Kristin Jahn, Generalsekretärin Deutscher Evangelischer Kirchentag


EAD: Wir erleben eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Wie steht es aus Ihrer Sicht dabei um die evangelische Kirche und ihr Umfeld – polarisieren sich diese auch?

Dr. Kristin Jahn: Ich erlebe in meinem Umfeld weniger verschiedene Pole, eher eine Unfähigkeit miteinander zu reden. Eine Unsicherheit ins Gespräch zu gehen, das Gespräch überhaupt erst mal zu suchen. Es ist eine Kultur entstanden, in der das Gefühl regiert und Annahmen, was der andere angeblich ist und denkt, was oft zu Missverständnissen führt. Klärende Gespräche bleiben so auf der Strecke. Es wird viel geurteilt und gerichtet übereinander, oftmals ohne vorab überhaupt gefragt zu haben: Wie meinst Du das? Was ist Dir wichtig? Warum hast du das so gesagt? Fragen aber heißt, den anderen und sich selbst ernst nehmen, damit rechnen, dass es noch Antworten gibt, die mich selbst überraschen, und so ist diese Stummheit und der fehlende Wille zu Gespräch die eigentliche Armut unserer Zeit. Kirche ist für mich der letzte Ort, wo wir einander ein anders sein und werden jeden Tag zugestehen. Ein Ort, wo die Offenheit zu Hause ist und der letzte Diskursraum. Mit ein wenig Mut zur Begegnung und der Hoffnung, dass der andere und ich selbst voneinander noch was erfahren können, wächst hier Gemeinschaft, auch wenn Themen strittig bleiben.

 

EAD: In jüngerer Vergangenheit hatte sich die Kirche mehrfach öffentlichkeitswirksam in politische Debatten eingeschaltet und dezidiert Position bezogen. Wie viel Positionalität verträgt die Kirche?

Wer ist „die Kirche“, wenn sie sich positioniert? Ich kann mich ja immer nur als Einzelne positionieren im Lichte meines Glaubens und meiner Hoffnung und dessen, was ich weiß. Ich wünsche mir mehr Wahrhaftigkeit, mehr Positionierung von Einzelnen und weniger dogmatisches Vorschreiben, nach dem Motto: „Wenn du Christ bist, musst du aber das und das tun und machen.“ Kirche ist nicht dazu da, anderen vorzuschreiben, was sie tun mögen, sondern ist der Raum, wo mir klar wird: Das ist meine Freiheit, meine Möglichkeit, meine Verantwortung – ich kann nicht auf einen anderen warten, dass das Gute passiert, es hängt an mir.

 

EAD: Welches Angebot können christliche Akteur*innen machen, um zu gesellschaftlicher Verständigung und einer demokratischen Debattenkultur beizutragen?

Sola gratia. Allein aus Gnade ist ein Mensch schon gut. So alt das klingen mag, aber ich finde, wenn christliche Akteur*innen andere ermutigen, sich selbst anzunehmen und sich selbst noch zuzutrauen, morgen besser zu sein als heute – dann ist das ein wunderbarer Beitrag zum Miteinander in diesem Land, auch zu einer demokratischen Debattenkultur, die davon lebt, dass wir einander zuhören, nachfragen und nicht abschreiben aufgrund gestriger Taten. Die Zukunft ist offen, für mich und für dich und es kann morgen besser werden als es heute mit uns und unter uns ist.

 

 

Dr. Kristin Jahn

© Nancy Jesse

Dr. Kristin Jahn studierte evangelische Theologie und germanistische Literaturwissenschaft. Seit 2022 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags und war zuvor Superintendentin im Ev. Kirchenkreis Altenburger Land.