10. Juni 2026 | Evangelische Akademien in Deutschland e. V.
"Es bräuchte eine gewisse Gelassenheit und die Überzeugung: ‚Es ist genug für alle da‘."
3 Fragen an Christoph Maier, Direktor der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt
EAD: Gesellschaftliche Verständigung ist ein Kernauftrag der Evangelischen Akademien. Was zeichnet Verständigung aus?
Christoph Maier: Am liebsten halte ich es da mit Jürgen Habermas und seiner Diskursethik. Es wäre klasse, wenn wir unsere Perspektiven, Sichtweisen und Interessen in einem fairen, zwanglosen und von Vernunft geleiteten Gespräch zum Ausgleich bringen könnten. Das ist ja das Ideal, für das auch Evangelische Akademien stehen. Wir versuchen machtfreie, geschützte Räume zu organisieren in denen das möglich wird. Auch die Techniken der gewaltfreien Kommunikation können dazu ein wichtiges Handwerkszeug liefern. Daran sieht man allerdings schon, dass die Verständigung im Diskurs sehr voraussetzungsreich ist und nicht nur persönliche Reife, Bildung und Bereitschaft voraussetzt, sondern auch ein gesellschaftliches Klima, das Diskurs, also das Gespräch mit der Methode des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments ermöglicht.
EAD: Worin liegen die Gelingensbedingungen für Verständigung in Zeiten von Polarisierung, Filterblasen und schneller Empörung?
Christoph Maier: Es bräuchte eine gewisse Gelassenheit und die Überzeugung: „Es ist genug für alle da“. Genau da setzen Populisten an. Sie schüren den Neid auf Andere, die scheinbar mehr haben. Sie sähen den Zweifel an der Sicherheit für eine gute Zukunft oder machen Angst vor der Konkurrenz aus China, die unseren Wohlstand gefährden. Aber es sind nicht nur die Polarisierungsunternehmer, die den Diskurs zerstören. Die Rückkehr von Kriegen in unsere Lebensrealität und das Ende unserer modernen Fortschrittserzählung sind äußere Faktoren. Was braucht es für Verständigung? Vertrauen, eine Idee vom guten Leben und die Bereitschaft den Horizont weit genug auf zu zoomen bis man in der Komplexität unserer Zeit wieder eine klare Orientierung findet.
EAD: Was denken Sie: Gibt es Grenzen der gesellschaftlichen Verständigung, äquivalent zu „Brandmauern“ oder Unvereinbarkeitsbeschlüssen in der Politik, oder sollte eine Evangelische Akademie sie in jedem Fall ermöglichen?
Christoph Maier: In der Politik geht es um Macht und Entscheidung. Demgegenüber unterliegt gesellschaftliche Verständigung eben gerade nicht dem Zwang zur Einigung oder Homogenität. Wir sollten da aus den Erfahrungen der ökumenischen Gespräche lernen und zunächst Toleranz und Anerkennung der Andersartigkeit üben. Allerdings sollten wir dann auch bereit sein unser Bekenntnis scharf und klar und kontrovers zu formulieren. Das ist dann etwas anderes als „Verständigung“. Das ist das protestantische, weltoffene und streitbare: „Hier stehe ich…“. Und wenn man mich überwältigen will, stehe ich da notfalls auch fest wie eine Mauer!
Christoph Maier ist Diplomtheologe und Pfarrer. Seit März 2020 ist er Direktor sowie Studienleiter für Theologie und Politik der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.
