25. November 2025 | Evangelische Akademien in Deutschland e. V.
"Für die Debattenkultur wäre es hilfreich, Konfliktlösungen mit Win-Win-Logik zu suchen."
3 Fragen an Matthias Braun, Landesjugendpfarrer
EAD: Aktuelle politische Diskurse beschäftigen sich mit zahlreichen Themen, die in ihren Auswirkungen unmittelbar die jüngeren Generationen betreffen, z.B. Wehrdienst oder Rente. Aus Ihrer Perspektive als Landesjugendpfarrer: Wie erleben und diskutieren Jugendliche solche Debatten?
Matthias Braun: Im Regelfall erleben Jugendliche und junge Menschen bei gesellschaftlichen Diskursdebatten immer: Sie sind zum Teil oder in Gänze betroffen, aber ihre Möglichkeiten, sich am Diskurs zu beteiligen, sind eingeschränkt. Zwar gibt es strukturelle Teilhabeformen wie die Jugendringe; aber es bleibt natürlich dabei, dass bei den legislativen Entscheidungen andere abstimmen. Im Regelfall Nichtjugendliche.
Da junge Menschen bei Wahlen zudem zahlenmäßig eine Minderheit bilden und die Landesjugendringanträge zur Herabsenkung des Wahlalters auf 16 überall abgelehnt werden, ergibt das bei Jugendlichen ein Gefühl, nicht gehört zu werden, nicht durchzudringen, passiv sein zu müssen.
Gerade bei einem Thema wie dem Wehrdienst ist es aber natürlich eminent wichtig, nicht passiv zu sein.
Andererseits sind Jugendliche bei Themen wie Wehrpflicht oder Rente auch nicht einer Meinung. Außerdem lagern sich an diese Fragestellungen Zusatzfragen wie die nach „Fairness“ an. Es ist unfair, wenn nur Männer Wehrdienst leisten müssten. Es ist unfair, wenn junge Menschen später in einen Beruf gehen können, weshalb es auch am Ende des Arbeitslebens ein soziales Jahr brauche.
Dass es an vielen Stellen Beschlüsse auf Kosten der folgenden Generationen gibt, unterbricht die Wahrnehmung junger Menschen, dass es Generationengerechtigkeit noch gibt. An dieser Stelle ereignet sich mitunter etwas, das ich „verknüpfte Wut“ nennen möchte: persönlicher (Lebens)Einsatz, Anteilerbringung in Sozialsysteme, steigende Preise auf dem Wohnungsmarkt, Klimawandel, verbrauchte Infrastruktur, Pauschalisierungen über die eigenen Generation (Gen Z) kommen rasch zusammen.
Für die Debattenkultur wäre es hilfreich, Konfliktlösungen mit Win-Win-Logik zu suchen. Das könnte das jugendliche Gefühl, Verlierer im Nullsummenspiel zu sein vermindern und motivieren, die repräsentative Demokratie als großes Freiheitsgeschenk neu zu entdecken und zu würdigen.
EAD: Sie setzen sich dafür ein, die Kirche auch für die nächste Generation attraktiv zu halten. Welche Angebote kann die Kirche speziell jungen Menschen machen, um mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen?
Matthias Braun: Als Kirche sind wir vor allem eine gewaltige Erinnerungsgemeinschaft mit fast 2000 Jahren Gedächtnis. Das bedeutet zum einen natürlich, dass wir einen praktisch unendlich gefüllten Hoffnungsrucksack mit uns herumtragen, um Außeralltägliches zu ermöglichen: Pilgern, Abendmahlsfeiern, Atempausen, Sorge um die Seele. An Angeboten mangelt es also nicht.
Wenn ich meine Worte ernstnehme, bedeutet dieses lange Gedächtnis aber auch: Als Gemeinschaft müssen wir auf allen Ebenen (Kirchengemeinde, Regionen, Landeskirche) Menschen zwischen 14 und 27 an der Gremienarbeit beteiligen. Und dort dann unser wertvollstes Angebot machen: Offene Ohren! Es ist vielleicht etwas wagemutig, aber schon Jesus hat gesagt: „Wer Ohren hat, der höre!“
Das bedeutet aber für die Erwachsenen immer auch, zu verlernen, Jugendliche nur zu fragen. Es heißt, zu lernen, ihrem Urteil zu trauen, und Systeme in ihrem Sinne zu ändern.
Wo Jugendliche Selbstwirksamkeit, Fehlertoleranz und Persönlichkeitsbildung erleben, haben wir als Kirche wohl das Beste getan, um mit den Herausforderungen in der Welt umzugehen. Davon bin ich überzeugt.
EAD: In einem früheren Beitrag plädieren Sie dafür, dass sich die Kirche politisch einbringt. Vertritt sie dabei aus Ihrer Sicht ausreichend junge Perspektiven?
Matthias Braun: Wenn die Kirche sich politisch äußert, tut sie das meist auf eine Gesamtgesellschaft hin. In dieser sind Jugendliche ja selbstverständlicher Teil. Von daher: ja und nein. Aber selbst als Landesjugendpfarrer muss ich sagen: Wenn die Kirche sich politisch einbringt, dann sollte sie das nicht für einzelne Generationen tun. Mein Gewährszitat ist aus Jeremia: Da geht es darum, dass Menschen das Beste für das Sozialsystem Stadt tun sollen. Das geht nur mit allen Generationen.

© privat
Matthias Braun studierte Theologie in Frankfurt und Heidelberg und ist seit 1. September 2025 Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Zuvor war er Stadtjugendpfarrer in Mainz.
