5. Januar 2026 | Evangelische Akademien in Deutschland e. V.
KI im Diskurs- und Bildungsalltag
3 Fragen an Simon Berlin, Journalist
EAD: Sie beschäftigen sich seit 10 Jahren mit Künstlicher Intelligenz. Wenn Sie vergleichen, mit welcher Einstellung Sie damals und heute auf das Thema blicken, was hat sich am meisten verändert?
Simon Berlin: Die Veröffentlichung von ChatGPT hat die Wahrnehmung von KI vollkommen verändert. Lange Zeit galten maschinelles Lernen und neuronale Netze als abstrakte Zukunftstechnologie. Ende 2022 sind Sprach- und Bildmodelle plötzlich im Alltag von Hunderten Millionen Menschen angekommen. Seitdem ist generative KI eine Gegenwartstechnologie.
EAD: In Bezug auf unsere Demokratie und Diskurskultur wird KI häufig problematisiert, z.B. hinsichtlich Deep Fakes, Halluzinationen und der Macht von Big-Tech-Konzernen. Um mal eine andere Perspektive einzubringen: Bietet KI auch Chancen, um demokratische Normen und Diskurse zu stärken?
Simon Berlin: Fast keine Technologie ist schwarz oder weiß. Auch mit KI kann man fürchterliche und wunderbare Dinge anstellen. Bereits jetzt verhilft die Technologie etwa Forschenden zu Durchbrüchen. Für Menschen mit Krankheiten, die lange als unheilbar galten, besteht wieder Hoffnung. Die Klimakrise bleibt ein menschengemachtes Problem, das Menschen lösen müssen – aber KI kann dabei helfen, dass wir weniger CO₂ ausstoßen. Ich sehe auch in vielen anderen Bereichen Potenzial, etwa bei Barrierefreiheit und Inklusion, Bürgerbeteiligung und Faktenchecks. Als Journalist hilft mir KI, große Datenmengen auszuwerten und Recherchen voranzutreiben, die ohne maschinelle Unterstützung mühsam bis unmöglich wären.
EAD: Die Entwicklungen und Möglichkeiten rund um KI schreiten rasant voran, das Wissen von heute scheint morgen schon wieder überholt. Wie können Bildungsakteure ihre Angebote ausgestalten, um mit diesem Prozess schrittzuhalten?
Simon Berlin: Ich unterrichte KI an Journalistenschulen und habe mir dafür die gleiche Frage gestellt: Welche Fähigkeiten muss ich vermitteln, die unabhängig von technologischen Entwicklungen relevant bleiben? Dann landet man schnell bei einem Grundverständnis der Technologie, das über die Fähigkeiten und Limitationen der aktuellen Modelle hinausgeht: Warum sollte man die Antworten generativer KI niemals als Beleg oder Quelle verwenden? Wie funktionieren Sprachmodelle? Weshalb sollte man den religiösen Heilsversprechen des Silicon Valley misstrauen? Wo und wie kann ich mich unabhängig informieren? Neben Anwendungskompetenz sollte ein Bildungsangebot auch Antworten auf solche Fragen geben.

Simon Berlin ist Journalist mit langjähriger Expertise zum Thema Künstliche Intelligenz. Als Autor für die Süddeutsche Zeitung erklärt er Themen rund um KI und das Internet, auf dem Social Media Watchblog beschreibt er die Wirkung von Plattformen auf Medien, Politik und Gesellschaft.
© Simon Berlin
