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29. Juni 2018 | Musische Festtage des CJD

Politisches Forum zu „Fake News"

Große Veranstaltung – kleiner Workshop


1600 Teilnehmer auf 5 Bühnen. Mehr als hundert Darbietungen an drei Tagen. Zwischen Gesang und Tanz, Gedicht und Theater – dies waren die 30. Musischen Festtage des CJD, die diesmal in Erfurt stattfanden. Wo bleibt dabei die politische Bildung?

Politisches Forum zu „Fake News“

Die Tage vom 02.05.2018 bis zum 06.05.2018 standen ganz unter dem Stern der inklusiven Zusammenkunft von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, Hochbegabten, sozial Benachteiligten und Menschen mit Migrationshintergrund sowie ihrer kreativen Verwirklichung. Als Höhepunkt der musisch-pädagogischen Arbeit des CJDs boten die Musischen Festtage verschiedenen Foren Raum, um Projekte im Zuge der Persönlichkeitsbildung zu gestalten und durchzuführen.

Ein wichtiges Handlungsfeld stellte dabei die Politische Bildung dar. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf Angebote des politischen Lernens und erhält so die Möglichkeit, ein eigenes politisches Urteilsvermögen zu entwickeln. Die Musischen Festtage widmeten sich der Notwendigkeit, ein Bewusstsein für demokratische Partizipation mit Hilfe eines Politischen Forums zu entwickeln. So wurde neben den vielen künstlerischen Darbietungen der Festtage auch ein Workshop zur politischen Bildung angeboten.

„Fake News“, Filterblasen, Falschmeldungen und Co.

„Fake News“ waren an diesen Tagen das Hauptthema. Die Gruppe von Jugendlichen aus CJD-Einrichtungen aus ganz Deutschland gewann im Laufe des Workshops einen Eindruck darüber, was Wahrheiten in Zeiten der Nachrichtenverbreitung über soziale Netzwerke bedeuten. Besonders junge Menschen informieren sich zunehmend im Netz, bekommen die neuesten Meldungen über Facebook und Twitter, wo eine verworrene Vielfalt aus Artikelauszügen, gekürzten Schlagzeilen und privaten Kommentaren die Hauptinformationen darstellen.

Dass jeder von ihnen auf einige der daraus entstehenden „Fake News“ hereinfallen könnte, zeigte ein Spiel, mit dem der Workshopleiter der CJD-Zentrale in der Gruppe startete. Die sogenannte Kahoot-App unterstützt gemeinschaftliches Lernen, bildet eine Diskussionsgrundlage und fördert die Sensibilität für weitergehende Gedankengänge. Mit dieser kostenfreien Live-Feedback-Methode des „Visible Learnings“ konnten die Teilnehmenden ihr Vorwissen, ihre Meinungen und Einstellungen zu dem Thema auf eine spielerische Weise sichtbar machen. So waren u. a. mit Hilfe von millionenfach geklickten Schlagzeilen die Teilnehmer dazu angehalten, Wahrheiten von politischen „Fake News“ zu unterscheiden.

Das Politische Forum setzte im Verlauf der Festtage auf zwei Schwerpunkte. Dabei handelte es sich um die historisch-politische Bildung mit Blick auf die Möglichkeiten der gastgebenden Stadt Erfurt und eine detaillierte Interviewführung mit den unterschiedlichsten Teilnehmenden der Musischen Festtage – und dies jeweils unter der Überschrift des Hauptthemas “Was stimmt? Wahrheit(en) in Zeiten von Filterblasen und Fake News“.

„Fake News“, die Stasi“ und die Jugend

Im Mittelpunkt Erfurts politischer Historie stand eine Führung durch die DDR- Geschichte am Lernort der Andreasstraße. Dieser geschichtliche Ausflug endete im Hier und Jetzt und machte so die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen deutlich, denen unsere Zeit unterliegt. Geführt wurde man durch ein Gefängnis der DDR- Staatssicherheit, welches ausschließlich für politische Häftlinge genutzt wurde. Die intensive Führung umfasste nahezu zwei Stunden und verdeutlichte, wie stark „Fake News“ auch in der Diktatur der DDR gängige Praxis waren.

Die „Stasi“ hatte sogar eine eigene „Fake News- Abteilung“. Dort wurde unter dem Begriff „Zersetzungsmaßnahmen“ die gezielte Verbreitung von Falschnachrichten über vermeintliche politische Gegner verstanden – staatlich verbreitete Lügen über vornehmlich junge Menschen, die nicht ins Bild passten. Gründe für eine Inhaftierung erscheinen uns heute absurd. Dazu zählten bspw., die falsche Musik zu hören, die falsche Zeitung zu lesen oder auch nur die eigene Meinung zu äußern. Der Kontrast des politischen Forums zu den Musischen Festtagen könnte kaum größer sein: Kreativität und gesellschaftliches Engagement, welche in der Zelle statt auf der Bühne landeten.

„Fake News“, politische Bildung und die Verantwortung im Netz

Unsere Jugendlichen suchten hier nach einem Weg zu verstehen, sich eine Meinung zu bilden und Verantwortung zu übernehmen, um die Welt nach ihren Vorstellungen mitgestalten zu können. Nur zehn Meter vom Erfurter Dom entfernt war dies in der Andreasstraße bis 1989 unerwünscht. Heute besteht mehr und mehr das Bewusstsein, wie wichtig jede einzelne Stimme eines jungen Menschen für eine Gesellschaft sein kann – politische Bildung erwünscht. Umso klarer wurde es im Verlaufe des Workshops an diesem Punkt, Wahrheiten von „Fake News“ unterscheiden zu lernen. Im Internetzeitalter ist jeder „Like“ einer politischen Nachricht auch ein politisches Statement.

Den jungen Menschen wurde deutlich, dass sie in sozialen Medien Verantwortung für die von ihnen produzierten Inhalte tragen. Massenhaft geteilte „Fake News“ über politisch andersdenkende Menschen beeinflussen heutzutage die politische Meinungsbildung und damit eine wichtige Grundlage der Demokratie.

Interviews zur politischen Bildung

Jeder der jungen Menschen sammelte bereits viele persönliche Erfahrungen mit dem Thema „Fake News“ in der politischen Berichterstattung. Nun wurde zudem allen Teilnehmenden klar, wohin „Fake News“ führen können und dass es sich um ein Problem handelt, das alle Mitglieder einer Gesellschaft etwas angeht. Motiviert durch die Geschichten der weggesperrten

Jugendlichen, die für ihre Überzeugungen in der DDR einstanden und eine Entwicklung der Gesellschaft im Dialog forderten, entstand der Wunsch nach einem Austausch über das Gelernte. Dieser gestaltete sich mit Hilfe von Interviews darüber, wie sich Andere über das politische Zeitgeschehen informieren und welche Rolle dabei Social Media, Filterblasen und „Fake News“ spielen. Bei einem Festival mit 1600 der unterschiedlichsten Menschen aller Altersgruppen gab es die Chance auf die vielfältigsten Meinungen. Dokumentiert wurden die Interviews in kurzen Videoclips. Die anschließende Auswertung, Kürzung und Reduzierung auf das Wesentliche machten den jungen Menschen jedoch schnell klar, wie unterschiedlich politische Meinungsäußerungen oder deren Bedeutung verstanden werden können.

Die Mühen des Journalismus

Die Teams bei der Auswertung der Interviews

Die Aufbereitung der Interviews und der dokumentierten Workshopinhalte verdeutlichte die Schwierigkeit journalistischen Arbeitens. Was ist wichtig, was unwichtig? Was gehört in den Fokus oder unterliegt einer Streichung? Fragen wie diese beschäftigten die Teilnehmenden zum Abschluss des Workshops. Das Wissen über das Vorhandensein eines „Fake News“- Generators, der kostenlos im Internet zugänglich ist und täuschend echte Schlagzeilen produziert, die wirken als wurden sie bereits tausendfach in Social-Media-Kanälen geteilt, bestärkte bei allen Jugendlichen das Gefühl, ab jetzt genauer hinschauen zu müssen.

Wie geht es weiter?

Die Erfahrungen, die die jungen Menschen im Zuge des politischen Forums sammeln konnten, begleiten sie intensiv auch nach Abschluss des Projektes. Die Verbreitung des Gelernten in ihren Einrichtungen mit Hilfe des Kahoot-Quizes beschäftigt sie dabei genauso ernsthaft, wie die Vernetzung mit anderen bereits bestehenden Projekten des CJD. Dazu gehört bspw. das Jugendmanifest, bei dem eine Handvoll junger Menschen versucht, ihre Sicht auf die Welt in prägnanten Thesen zu formulieren und deutschlandweit Andere für ein größeres politisches Engagement zu gewinnen und zur Teilhabe auf unterschiedlichen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens zu ermutigen. Auch wiken diese Jugendlichen derzeit an der Planung einer der nächsten Großveranstaltungen des CJD mit, der Jugendkonferenz 2019. Dort wird es sicherlich auch etwas musische Bildung geben. Doch anders als in Erfurt 2018 steht dann die politische Bildung im Mittelpunkt – und die Suche nach neuen Wegen, wie die Interessen junger Menschen zukünftig mehr Gehör finden können.

Kontakt: David Wildner