Evangelische Akademien Deutschland

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Die Evangelischen Akademien in Deutschland

14. Juni 2019 | Ev. Akademie Frankfurt

Mit Katzen gegen den Hass

Jugendliche fit machen für Hasskommentare im Netz


Meistens richtet sich die Wut gegen Schwule, Flüchtlinge oder Frauen. Auch Christen verbreiten Hassrede in den sozialen Medien. Die Evangelische Akademie zu Berlin hat das Projekt »Netzteufel« gestartet. Nun kam das Projekt nach Frankfurt, um MultiplikatorInnen darin zu schulen, wie das Thema in Workshops bearbeitet werden kann. Zum Beispiel: mit Humor.

© Carina Dobra

Auf dem Tisch liegen bunte Filzstifte, Sticker mit Tiermotiven und Glitzermarker. Die Workshop-Teilnehmer*innen sollen anhand eines fiktiven Beispiel-Posts auf Hasskommentare reagieren. Thema des Beitrages ist die Trauung homosexueller Paare. »Homosexualität ist keine natürliche Verbindung, sondern die Ablehnung der Schöpfung« schreibt einer der ausgedachten Nutzer.

Das Traurige: Das Beispiel ist realistisch. Netzteufel arbeitet mit Kommentarverläufen, die es so tatsächlich gibt. Besonders häufig komme das bei Beiträgen zum Islam, Flüchtlingen, Homosexualität oder Genderthemen vor, erklärt uns Timo Versemann, Projektleiter von »Netzteufel« und Referent des Workshops in Frankfurt. Das Projekt analysiert in den sozialen Netzwerken die Verbreitung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Namen des christlichen Glaubens. Es soll zum theologisch fundierten Widerspruch ermuntern. In der Evangelischen Akademie Frankfurt hat Versemann Interessierten aus der Bildungsarbeit pfiffige Methoden mitgebracht, wie man zu dem Thema mit allen möglichen Zielgruppen arbeiten kann.

»Wir« und »die Anderen«

Eingebettet wurde dieser sehr praxisorientierte Multiplikator*innen-Workshop durch einen Vortrag von Prof. Britta Konz von der TU Dortmund. „Wir gegen die anderen.“ Die Wissenschaft bezeichnet diese Strategie als »Othering«, erklärt sie und. »Ich brauche immer Loser, um mich selbst besser zu fühlen«, sagt die Religionspädagogin. Gerade Jugendliche seien dafür anfällig. An der Darstellung »Wir« und »die Anderen« hätten auch Medien eine Mitschuld, betont Konz. Als Beispiel zeigt sie einige Titelbilder des »Spiegel«. Wenn es um Themen wie den Islam, den Koran oder das Kopftuch gehe, sei das Titelbild der jeweiligen Ausgabe immer in dunklen Farben gehalten. »Hatespeech funktioniert auch über Bilder«, erklärt Konz.

Wirkkraft der Bilder

© Carina Dobra

Als weiteres Beispiel führt die Expertin AfD-Plakate an. Die Wahlplakate der Partei zeigten meistens idyllische Bilder von Heimat. Zum Beispiel ein kleines Schweinchen auf einer saftig-grünen Wiese. Im Kontrast dazu in schwarzen, fetten Buchstaben der Spruch: »Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche.« »Wir dürfen nicht die Wirkkraft von Bildern unterschätzen«, betont die Pädagogin.

Im Netz komme die Anonymität erschwerend hinzu. US-Präsident Donald Trump sei mit seinen Tweets ein Beweis dafür, wie dort zudem eine »Entmenschlichung« stattfinde. Auch Wortneuschöpfungen sorgten für einen »Niveau-Limbo«, ergänzt »Netzteufel«-Leiter Versemann. Das heißt, jeder versuche den anderen mit neu kreierten Schimpfwörtern zu überbieten. »Sprache schafft Wirklichkeit«, warnt Konz mit Blick auf die Vergangenheit. Alle Ausgrenzung beginne verbal. Das sei auch im Nationalsozialismus so gewesen, vergleicht die Pädagogin.

Wie kann man gegen diesen Strom schwimmen?

Im Netz gebe es verschiedene Möglichkeiten, dem Hass ein Gegengewicht zu setzen, erklärt Versemann. Nutzer könnten unangemessenen Kommentaren zum Beispiel mit Humor begegnen. Besonders gut eigneten sich dafür sogenannte Memes. Das sind Bilder mit lustigen Sprüchen drauf. Besonders beliebt sind Katzen. Ein Beispiel-Meme zeigt eine grinsende Katze, dazu die Worte: »Ich habe eine andere Meinung als du und trotzdem muss ich dich nicht beleidigen.« Eine andere Variante sei es, sich mit Nutzern zu solidarisieren. Dazu gebe es inzwischen auch Zusammenschlüsse wie etwa die Facebook-Gruppe »#Ichbinhier«. Dort können Mitglieder einen Screenshot einer Diskussion posten. Die anderen Mitglieder können dann gemeinsam Kommentare liken oder auf Hasskommentare antworten.

Der Workshop hat die Teilnehemden auf vielfältige Weise ermutigt: Sie sind mit dem, was sie an der Evangelischen Akademie gelernt haben gerüstet für einen spannenden und gut aufbereiteten Workshop mit ihrer Zielgruppe, können Hasskommentare selbst besser einschätzen und haben Ideen gesammelt, wie sie ganz persönlich mit dem nächsten Hass-Post umgehen können.

Kontakt: Hanna-Lena Neuser