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18. Februar 2020 | Projekt „Alles Glaubenssache?“

Ich und die anderen

Theaterworkshop beleuchtet Fragen des Zusammenlebens


Identitätsfindung, gesellschaftliche Teilhabe und Zugehörigkeit – mit diesen Themen setzen wir uns tagtäglich auseinander. Oft auf unbewusste Weise. Unter dem Motto „Ich und die anderen“ erschließen sich Schüler*innen der IGS Nienburg genau diese Themen mithilfe eines Theaterworkshops. An einer Bushaltestelle treffen alle aufeinander und genau deshalb findet die Collage unterschiedlicher Szenen an diesem Ort statt.

„Ich und die anderen“ ist ein Theaterprojekt im Rahmen von «Alles Glaubenssache? Prävention und politische Bildung in einer Gesellschaft der Diversität», ein Projekt der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung, welches durch die Evangelische Akademie Loccum umgesetzt wurde. Eine Collage einzelner Szenen wurde im Januar 2020 zur Aufführung gebracht.

Hier gehts zum Clip vom Theaterprojekt „Ich und die anderen“:

Simone Schad-Smith, Studienleiterin für gesellschaftspolitische Jugendbildung der Akademie, erzählt von den Hintergründen des Projekts:

Was war das Ziel des Projekts „Ich und die anderen“?

Ziel des Theaterprojekts war es, sich mit den Themen Identität, gesellschaftliche Teilhabe und Zugehörigkeit mithilfe der Methodik des Theaters, d.h. spielerisch, zu befassen. Es sollte darum gehen, die Jugendlichen als Gruppe zu stärken und sie resilient (z.B. gegenüber Anfeindungen durch andere und extreme Ansprache) zu machen. Zunächst aber ging es darum, andere Menschen um uns herum wahrzunehmen und danach zu fragen, wer außer uns auch noch da ist. Deshalb auch der Titel: Ich und die anderen.

Worum ging es in den von den Schüler*innen erarbeiteten Szenen?

In den drei aufeinander aufbauenden Theaterworkshops haben die Jugendlichen Szenen erarbeitet, die an einer Bushaltestelle spielen. Dabei war es besonders wichtig, nicht zu sehr die außergewöhnlichen Menschen in den Blick nehmen. Wir wollten versuchen, im Alltäglichen das Besondere zu suchen. Wen könnte ich tatsächlich an der Bushaltestelle treffen? Was empfinde ich selbst als Bedrohung? Was nimmt mir die Angst? Was erlebe ich als angenehme Erfahrung an einer Bushaltestelle – auch im Umgang mit Menschen, die ich möglicherweise nicht kenne?

In die Szenen flossen eigene Erfahrungen ein, aber auch eine Befragung der Teilnehmenden am Nienburger Busbahnhof – der Fragebogen ist ja kurz im Clip zu sehen. Interessanterweise meinten viele der Befragten, am schlimmsten sei es, wenn der Bus nicht komme – eine Erfahrung die hier auf dem Land offenbar viel gemacht wird. Auch die Dunkelheit, der Wald und fremde Personen an der Haltestelle wurden als bedrohlich erlebt.

Welche Szenen sind Dir in besonderer Erinnerung geblieben?

Gar nicht so leicht, aus zwölf unterschiedlichen Geschichten einzelne auszuwählen.

Sehr berührt hat mich die Einstiegsszene, die „Der Stinker“ hieß. Darin warten vier Leute an der Bushaltestelle. Ein fünfter kommt hinzu und der stinkt. Nacheinander rümpfen alle die Nase, sie wenden sich ab, atmen in Taschentücher, die sie mit Deodarant besprüht haben, verdrehen die Augen und gehen am Ende alle weg – ohne auch nur ein einziges Wort mit dem Stinker gewechselt zu haben. Das war schon sehr schmerzhaft, das zu sehen. Vermutlich kennen viele solche Erlebnisse auch.

Gefallen haben mir auch verschiedene Szenen, die sich mit Mehrsprachigkeit befassten und zeigten, wie viele andere Sprachen im Raum sind, ohne dass wir auch nur eine Ahnung davon haben.

In einer Szene wurde gelästert, was das Zeug hielt. In einer anderen ging es um eine junge Mutter, die angepöbelt wurde und von einer Frau, die mit ihr wartete, beschützt wurde.

Und dann immer wieder das Handy. Das tauchte in so vielen Szenen auf. Da wurde mir so deutlich, dass dieses Gerät ganz schön den Blick auf die anderen um mich herum verstellen kann. Andererseits schützt es mich vielleicht auch, an so einer Bushaltestelle. Ich bin nicht allein, ich muss nicht sehen, was mir nicht gefällt, die Störungen um mich herum kann ich ausblenden.

Wir konnten übrigens auch in einer Szene sehen, was sich auf dem Display eines Mädchens abspielt, so als wären wir per Liveübertragung zugeschaltet. Es fing als Liebesgeflüster mit ihrem Freund an. „Herzchen hier, Herzchen dort. Wann kommst Du, Schatz? Ich warte auf Dich.“ Doch der Freund antwortete nicht. Also wurde er noch mehr zugetextet. Richtig Fahrt nahm das Ganze auf als die zwei „blauen Häkchen“ erschienen und der Freund immer noch nicht antwortete. Wüste Beschuldigungen, Vorwürfe, Frontalangriffe – und am Schluss trennte sie sich von ihm. Kopfkino vom Feinsten.

Was unterscheidet das Projekt von anderen Theaterprojekten?

Die Offenheit, mit der wir an das Ganze heran gegangen sind, ist das Besondere. Wir wussten zu Beginn nicht, welches Ergebnis am Ende herauskommen würde. Zwei Teilnehmerinnen beschreiben das ja sehr eindrücklich in dem Videoclip, den wir gedreht haben. Wir hatten kein fertiges Skript, keine Rollen, die schon geschrieben und nur noch zu vergeben waren. Die Methode nach der wir gearbeitet haben, ist angelehnt an das „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal. Das ist ein sehr offenes Format, das die Schauspielerinnen zur Reflexion, zum aktiven Handeln und zur Veränderung gesellschaftlicher Realitäten auffordert. Dieses Konzept folgt der Überzeugung, dass jeder und jede Theater machen kann, das jeder Mensch ein Künstler ist und alle Kunst und Erkenntnis bereits in uns angelegt sind. Nicht ein Regisseur bestimmt die Inhalte, sondern die Teilnehmenden und das Publikum. Die Szenen, die wir zum Schluss an der Schule der Teilnehmenden vorgeführt haben, entstanden miteinander. Das war sehr ungewohnt, sich auf diesen offenen Prozess einzulassen, aber letztlich eine tolle Erfahrung für alle Beteiligten.

Was hat das Ganze mit Primärprävention zu tun?

Wir wissen, dass Jugendliche in der Phase ihrer Identitätsfindung besonders ansprechbar für Extremismen sind, weil sie u.a. auf der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit sind. Aber so, mit diesem „Verdacht“ geht man doch nicht auf junge Menschen zu!

Prävention in der Arbeit mit Jugendlichen muss also ganz woanders ansetzen. Wir wollten wissen, wie können diese Bedürfnisse nach Anerkennung und Zugehörigkeit im positiven Sinne erfüllt werden? Woran glauben junge Menschen und woran halten sie sich fest? Was gibt ihnen Halt in ihrem Leben? Welche Wünsche habe sie an ein gelingendes Leben? Wo und wann fühlen sie sich sicher in einer Gruppe (oder an einer Bushaltestelle)? Dabei ging es auch um Toleranz für unterschiedliche Lebensentwürfe. Wir wollten etwas dazu beitragen, dass die Jugendlichen mit ihren unterschiedlichen Geschichten, Bedürfnissen, Talenten neu aufeinander schauen. Dass sie nicht nur sich, sondern auch die Menschen um sie herum und deren Stärken in den Blick nehmen. Dass sie „Andersartigkeit“ nicht negativ bewerten.

Ein gelungenes Projekt?

Auf jeden Fall! Im Feedback zum Schluss sagten die Jugendlichen, dass die Theaterworkshops sie als Gruppe zusammengebracht hätten. Sie fanden den Freiraum gut, in dem sie selbst kreativ werden konnten. Es gefiel ihnen besonders, mitentscheiden zu können, mal jemand anders sein zu können, zu nichts gezwungen zu werden, gemeinsam etwas zu erarbeiten und sich dabei nicht beweisen zu müssen.

Kontakt: Simone Schad-Smith