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5. April 2017 | Junge Akademie. Ethik auf den Punkt gebracht.

Was zieh‘ ich an?

(Junge) Menschen zwischen nachhaltiger Mode und Fast Fashion


Ein Workshop mit Jugendlichen ging den Arbeits- und Produktionsbedingungen in der Modeindustrie nach und suchte Lösungsansätze für gerecht, menschenwürdig und umweltbewusst hergestellte Kleidung.

Kleidung als Wegwerfartikel: Fast Fashion und die Folgen

Fast Fashion. Jugendlicher schaut auf Handy mit Modelblog

Foto: Evangelische Akademie der Pfalz.

„Die Junge Akademie. Ethik auf den Punkt gebracht.“ Unter diesem Titel steht das Jugendbildungsprogramm der Evangelischen Akademie der Pfalz, das sich mit wirtschaftsethischen Themen auseinandersetzt. Bei einem Workshop im März in Heidelberg ging es nun um die Licht- und Schattenseiten der Bekleidungsindustrie – und um ihre Auswirkungen auf Menschen hier sowie auf der ganzen Welt.

Passend dazu begann die Journalistin und Mode-Bloggerin Ellen Köhrer (gruenistdasneueschwarz.de) mit direkten Fragen an die Teilnehmer*innen: Wo kaufst du deine Kleidung? Was hat sie gekostet? Und trägst du gerade Fast Fashion? Gerade die Nebenwirkungen der immer schneller produzierenden Branche – mittlerweile entstehen pro Jahr nicht mehr zwei, sondern eher zwölf Kollektionen für die großen Modeketten – stellte Köhrer anschaulich dar: Der durchschnittliche Preis für ein T-Shirt sank von ca. zehn Euro in den 1980er Jahren auf fünf Euro heute, als Folge wird Kleidung zunehmend als Wegwerfartikel betrachtet (ca. eine Million Tonnen Kleidung werden pro Jahr weggeworfen!). Mit dem Preis sanken auch die Löhne für die beteiligten Arbeiter*innen. Betroffen sind vor allem asiatische Länder, in denen fast alle großen Bekleidungsunternehmen ihre Ware unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen anfertigen lassen. Hinzu kommt, dass die Textilindustrie durch den Einsatz von Chemikalien und den auf den Einsatz von Düngemitteln angewiesenen Baumwollanbau zu einer der umweltschädlichsten Branchen weltweit gehört. Auch wenn solche Fakten immer wieder medial aufgegriffen werden, etwa 2012 nach dem Einsturz einer Fabrik in Bangladesch mit über 1000 Toten, ist die Dominanz der mit Fast Fashion-Methoden produzierenden Unternehmen immer noch ungebrochen.

Dennoch lässt sich ein langsamer Umbruch beobachten: Kleine Labels stellen ökologisch und fair Kleidung her, große Ketten nehmen zumindest zeitweise nachhaltige Kollektionen in ihr Sortiment auf, Filme wie The True Cost (2015, Andrew Morgan) machen auf das Thema aufmerksam, immer mehr Blogs fokussieren nachhaltige Mode (fairknallt.de) und Portale wie getchanged.net helfen dabei, Fair Fashion leichter zu finden. Denn, und das betonte auch der Philosoph Daniel Hammer (Universität Frankfurt a. M.), die Macht für einen Wandel liegt in der Hand der Käufer*innen. Selbst wenn man als einzelne*r Konsument*in den Eindruck gewinnt, mit einem Kauf bei einem nachhaltigen Mode-Label keinen Einfluss auf systemische Änderungen zu haben, sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass global betrachtet vielleicht zeitgleich viele weitere Menschen eine ähnliche Entscheidung treffen. Hammer appellierte deshalb, sich nicht allein auf gesellschaftspolitische Änderungen zu verlassen, sondern selbst für eine Verbesserung der Produktionsbedingungen durch das eigene Konsumverhalten und die daraus entstehende Werbung und Vorbildfunktion für fair und ökologisch hergestellte Mode zu sorgen.

Medial spiegelt sich dieser Trend jedoch nur randständig wieder, wie Studienleiter Felix Kirschbacher verdeutlichte. Anhand verschiedener Online-Präsenzen wie Blogs, Instagram, YouTube und Online-Stores stellten die Teilnehmer*innen Anreize und Strategien zusammen, die das Fast Fashion-System befördern. Besonders „Fashion Haul“-Videos von Mode-Blogger*innen und Instagram-Feeds sogenannter Fashion Influencer, in denen durch ausgedehnte Besprechungen von Shopping-Fischzügen und ständig wechselnde Outfits Massenkonsum performiert und propagiert wird, stießen auf Irritationen.

Umdenken in der Wirtschaft?

Warum große Modeketten überhaupt auf diese Weise ihr Sortiment produzieren, erläuterte Karsten Junge, Professor für BWL an der DHBW Karlsruhe. Die Wertschöpfungs- und Lieferkette kann als entscheidendes Ventil dienen, wenn es darum geht, die Rendite eines Unternehmens zu vergrößern – dazu gehören auch Lohnkosten, Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen oder der Einsatz umweltschädlicher, aber günstiger Ressourcen. Doch auch in diesem Feld zeichnet sich ein Umdenken ab, wie Julia-Marie Degenhardt (Universität Vechta) demonstrieren konnte. Unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility (CSR) fassen Unternehmen ihren Beitrag für die drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales zusammen. Zunehmend werden solche Bemühungen auch von Konsument*innen honoriert, sodass auch immer mehr Textilunternehmen versuchen, die beiden Standbeine „doing good“ und „avoiding bad“ mit internen Bestimmungen (Code of Conduct), höheren Arbeitsstandards, Mitarbeiterschulungen, Kultursponsoring oder der Nutzung von regenerativen Energien umzusetzen. So konnte Degenhardt bereits einige Beispiele von Unternehmen nennen, die nicht allein Renditemaximierung, sondern auch nachhaltiges Produzieren und Wirtschaften als erklärtes Ziel für sich ausgegeben haben.

Ein Planspiel von Studienleiter Sebastian Burger schloss den Workshop ab. Die Teilnehmer*innen schlüpften in verschiedene Rollen eines Modeunternehmens, das eine neue, nachhaltige Geschäftsstrategie etablieren will. In diesem Zuge wurden auch noch einmal die Möglichkeiten von Mode-Konsument*innen diskutiert, Einfluss auf die Produktionsbedingungen der Textilindustrie zu nehmen:

  • Weniger und dafür haltbarere Kleidungsstücke kaufen
  • Second Hand-Kleidung oder Kleidertausch-Partys als Alternative
  • Bei nachhaltigen Labels einkaufen
  • DIY: Kleidung oder Accessoires selbst machen
  • Kaputte Kleidung reparieren
  • Mit anderen über das Thema sprechen

Autoren: Felix Kirschbacher, Sebastian Burger.