Evangelische Akademien Deutschland

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Die Evangelischen Akademien in Deutschland

5. September 2017 | Jugendbildungsseminar in Hof

Das Leben der „Anderen“

Eine Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart in Ost und West


Wie war das noch gleich mit der DDR, STASI und Co? Berliner und Hofer Jugendliche machen sich auf eine Spurensuche nach Vergangenem.

Das Leben der „Anderen“ kennenlernen

1949 wird Deutschland in zwei Staaten geteilt. An der innerdeutschen Grenze entsteht in den Folgejahren auf 1.376 Kilometern ein Bollwerk aus Beton, Stacheldraht und Minengräben. Familien und Freunde werden auseinandergerissen und voneinander getrennt. Die STASI dient als Überwachungsorgan der Regierung und spioniert alle aus, die verdächtigt werden, nicht staatskonform zu handeln. Dabei wird eine Flut von Akten angelegt, die aneinandergereiht von Leipzig bis nach Dresden reichen würde.

Berlin hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. 40 Jahre war diese Stadt geteilt und das ehemalige West-Berlin war umgeben von einer Mauer, an der zahlreiche Menschen ihr Leben ließen.  Auch die Stadt Hof lag unmittelbar an der innerdeutschen Grenze und gehörte zum sogenannten Zonenrandgebiet. Die Nähe der Grenze hinterließ auch hier unübersehbare Spuren in Land und Leuten.

Das Seminar der Evangelischen Jugendbildungsarbeit Hof führte Jugendliche aus beiden Städten zusammen, um die jeweils „Anderen“ kennenzulernen und mehr über die Vergangenheit Deutschlands zu erfahren.

Leben der „Anderen“ Berlin

Besuch an der Berliner Mauer

Auf Spurensuche in Berlin

Im ersten Teil des Seminars besuchten Jugendliche aus Hof die Hauptstadt, um dort gemeinsam mit Berliner Jugendlichen einen Blick in die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung zu werfen.

Während des Besuches der Gedenkstätte Hohenschönhausen wurde den Jugendlichen auf teils sehr emotionale Art und Weise vermittelt, was es bedeutet hat, sich in der ehemaligen DDR nicht linientreu zu verhalten. Auch wenn dies im Grunde nur hieß, das Recht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen und kritische Fragen zu stellen. Die Jugendlichen hatten hierbei Gelegenheit, viel von den persönlichen Hintergründen der Gedenkstättenführer zu erfahren. Sie erhielten einen Einblick in die Lebenswelt und Rahmenbedingungen eines Gefangenen in der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt der DDR.

Die Erzählungen der Zeitzeugen waren während des Seminars immer wieder Thema und wirkten nachhaltig auf die Jugendlichen ein. „Wie steht es heute um die Meinungsfreiheit? Welche und wieviel Macht darf der Staat haben? Was bedeutet mir Freiheit?“, waren nur einige der Fragen, die sich nach dem Besuch der Gedenkstätte auftaten.

Zonenrandgebiet „bayerisch Sibirien“

Im zweiten Teil folgte der Gegenbesuch der Berliner*innen in Hof, um sich im ehemaligen Zonenrandgebiet einen Eindruck von den Dimensionen der innerdeutschen Grenze zu verschaffen. Unweit von Hof liegt das kleine Dorf Mödlareuth, in dem sich die Gedenkstätte „Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth“ befindet. Mödlareuth, auch „little Berlin“ genannt, hat eine ähnliche Geschichte, wie sie Berlin erfahren hat. 1952 wurde damit begonnen, das Dorf in zwei Teile zu teilen. Eindrucksvoll lässt sich in dem originalgetreuen Außengelände erahnen, welche Dimensionen die Grenzanlagen und deren Sicherungsmechanismen hatten.

Leben der „Anderen“ Mödlareuth

Grenzanlagen in „little Berlin“ Mödlareuth

Um einen tieferen Einblick in die Tragweite der deutsch-deutschen Teilung, den damit verbundenen Schicksalen und die Bedeutung für die Menschen in Ost und West zu bekommen, fanden zwei Gespräche mit Zeitzeugen statt.

Jens Hase flüchtete im Herbst ´89 aus der DDR. Kurz zuvor wurden seine Eltern ausgewiesen und mussten ihren Sohn mit 19 Jahren seinem Schicksal überlassen. Keinen Kontakt zu seinen Eltern zu haben, nicht zu wissen, wohin es den schwerkranken Vater und die Mutter in einem fremden Land verschlagen hat, ließen ihn den Mut fassen, nach Prag in die deutsche Botschaft zu flüchten. Mitreißend und hoch emotional berichtete er von seinen Erlebnissen auf der Flucht und in der Botschaft. Eineinhalb Stunden schaffte es der Zeitzeuge, die Teilnehmer*innen in seinen Bann zu ziehen. Selbst Jugendliche, die eine teils überschaubare Konzentrationsfähigkeit besitzen, hingen dem Referenten über die gesamte Zeit hinweg an den Lippen.

Auch die ausführlichen Schilderungen eines ehemaligen westdeutschen Grenzpolizisten, zu seiner Arbeit an der innerdeutschen Grenze, verfolgten die Teilnehmer*innen am Tag darauf gespannt.

Ein intensives und für alle Seiten bereicherndes Wochenende liegt nun hinter den Jugendlichen und macht Hunger auf mehr. Verabredungen und Überlegungen zu weiteren Veranstaltungen sind gerade in der Planung.

Autor: Christian Schlademann