Evangelische Akademien Deutschland

Protestantisch. Weltoffen. Streitbar.

Die Evangelischen Akademien in Deutschland

28. April 2022 | Evangelische Akademie Frankfurt

#Change. Werkstatt für Veränderung

Mit Kreativität an die Transformation!


Wie entsteht Veränderung – persönlich und gesellschaftlich? Eigentlich wissen wir seit Jahren, dass wir etwas gegen die Klimakrise tun müssen und doch passiert zu wenig. Drei Erdkugeln bräuchte es, wenn alle Menschen wie wir in Deutschland lebten. Obwohl fast alle Länder sich dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens verpflichtet haben, ist die Welt derzeit auf dem Weg zu einer Erwärmung von 3,2 Grad bis 2100. Dabei sind die Folgen der Erderwärmung schon jetzt dramatisch. Warum führt Wissen nicht automatisch zum Handeln? Was können wir mit Blick auf große Veränderungsprozesse der Vergangenheit lernen und was soll man sich eigentlich unter dem Begriff „sozialökologische Transformation“ vorstellen?

© Jana-Sherin Dilling

„#Change“ nennt sich das Projekt der Evangelischen Akademie Frankfurt im Rahmen des Bundesprogramms Aufholen nach Corona, das im März gestartet ist und eine Ausstellung im Herbst vorbereitet. Wir haben uns ganz schön viel vorgenommen an diesem ersten Wochenende im Hildegardishof, Westerwald. Aber sonst hätten wir ja auch nicht so viel gelernt! 15 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren und vier Trainer- und Teamer*innen in einem Tagungshaus auf blühender Streuobstwiese. Drei Tage Sonnenschein, Austausch, Impulse und Zusammensein. Besser kann man sich den „Neuanfang“ nach zwei Jahren Coronaeinschränkungen kaum vorstellen. Ziel des kommenden Treffens im Mai ist die künstlerische Umsetzung der gesammelten Ideen, Botschaften und Anliegen der Gruppe zum Thema Klimakrise und Transformation. Diese Werke bilden ab Oktober 2022 das Vorwort zu der Ausstellung Klima_X, die fast ein Jahr lang im Museum für Kommunikation in Frankfurt zu sehen sein wird.

 

© Jana-Sherin Dilling

Herausforderung Kommunikation

Das Projekt bietet den Teilnehmenden mehr als theoretische Erkenntnisse. Sie haben einen reellen Kommunikationsraum zu gestalten, können ihre Meinung ausdrücken und selbst Einfluss nehmen. Doch wie spricht man über Klimakrise und Veränderungsnotwendigkeit, ohne Widerstände, Überforderung oder Resignation auszulösen? Was für „Veränderung“ braucht es eigentlich und wie kommen wir dahin? Hier boten zwei digital zugeschalteten Expert*innen praktische Einsichten.

 

Dr. Hartmut Rosa, Professor für allgemeine und theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller Universität Jena, definierte „sozialökologische Transformation“ als eine Systemänderung, durch welche sich alles nicht mehr steigern muss, um das Bestehende zu erhalten. Alle politischen Parteien wollen Wachstum, merkte er an, sagen aber nie was genau wohin wachsen soll. Bei den meisten Sektoren gibt es planetare Grenzen zu beachten. Eine andere Logik muss her, meinte er, und zwar nicht nur beim Wirtschaftssystem, sondern auch bei der Haltung der Bevölkerung. Was gibt uns eigentlich Sinn im Leben? Ist es wirklich alles zugänglich zu haben und konsumieren zu können? Oder ist es vielmehr die Resonanz? Also die Erfahrung, in Kontakt zu sein und die Fähigkeit, von etwas berührt zu werden. Möglicherweise wäre es mit ganz viel Kreativität, Gemeinschaft und Sinngefühl verbunden, wenn wir – als Stadt, Viertel oder Haushalt – mit einer Deckelung unserer Emissionen umgehen müssten, statt immer nur nach mehr zu streben. Aktuell ist gesellschaftliche Zugehörigkeit meist über Erwerbsarbeit definiert, fügte er hinzu. Doch wenn die Angst, nicht dazuzugehören, eine der stärksten Antriebsfaktoren für das ständige Wachsen ist, kann nicht Erwerbsarbeit auch anders organisiert werden? Wie wäre es mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, um uns erstmal die Angst zu nehmen, ohne Lohnarbeit nicht dazuzugehören? Das Gespräch mit Dr. Hartmut Rosa lässt sich hier ansehen:

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Impulse aus der Umweltpsychologie bekamen wir von Dr. Laura Loy, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Umweltpsychologie an der Universität Koblenz-Landau. Das Problembewusstsein der deutschen Bevölkerung ist hoch, meinte sie, aber unser Handeln ist durch viele Einflussfaktoren bestimmt. Nicht nur Wissen um ein Problem spielt eine Rolle, sondern auch unsere Werte und Moralvorstellungen, unser Identität und Gewohnheiten, persönliche Einschränkungen, wen wir als Verantwortlich sehen und nicht zuletzt, was wir fühlen. So geht beispielsweise „globale Identität“ (also, dass man sich als Teil der Menschheit sieht) oft mit mehr umweltschützenden Verhaltensweisen einher. Sowohl positive Gefühle, wie Hoffnung oder Bewegt-sein, als auch negative, wie Wut oder Scham, können aktivierend wirken. Ohne Gelegenheit und Fähigkeit wird sich aber keine Veränderung einstellen, sondern eher Frustration. So lauten Frau Loys konkrete Tipps: findet eine Gruppe, deren Werte ihr teilt, ladet andere ein, schließt euch zusammen, tut Gutes und redet drüber. Und vergesst nicht, die Belohnungen und positiven Gefühle zu betonen, die mit nachhaltigem Verhalten einhergehen!

 

Hoffnung darf nicht fehlen

Das Programm bot eine Waldwanderung, die direkt als Chance genutzt wurde, mit der Natur in Resonanz zu treten. Die Gelingensgeschichten der Menschheit wurden aufgearbeitet und ein Spiel zum Thema Weltverteilung gehörte auch dazu. Ein Kletterseil half uns, darüber nachzudenken, wer den Wandel macht, und in der kreativen Ideenwerkstatt entstanden Plakate, die jetzt schon am Museumsufer in Frankfurt zu sehen sind. Schließlich ging es mit Christina Schnepel von unserer hessischen Schwesterakademie in Hofgeismar auch um „#Hope“ als Bestandteil einer „#Change“. Das war ein richtig tolles Auftaktwochenende. Und wie schön, wenn man ein schweres Thema angeht – bei dem es um die Zukunftsperspektive der Teilnehmenden geht und man Angst hat, Resignation auszulösen – und die Teilnehmenden danach sagen, dass sie „begeistert“, „inspiriert“ und „hoffnungsvoll“ sind. Da geht das Herz auf und der Himmel hängt voller Geigen. Ich freue mich schon auf das Wiedersehen im Mai!

Ansprechperson: Dr. Stina Kjellgren