Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN
News Avoidance – Keine Nachrichten sind auch keine Lösung?
Praktische Methoden und politische Medienbildung im Kontext digitaler Öffentlichkeiten
In einer Welt voller Krisen, Katastrophen und Dauer-Updates schalten viele (nicht nur!) junge Menschen innerlich und äußerlich ab und meiden Nachrichten ganz bewusst, was Fragen für die politische Medienbildung aufwirft. „News Avoidance“ beschreibt die Strategie der bewussten Nachrichtenvermeidung, sei es aus Überforderung, emotionalem Selbstschutz oder aus dem Gefühl heraus, ohnehin nichts verändern zu können. Viele sehen hierin einen Weg, um sich vor ungewolltem Doomscrolling, belastenden Gefühlen und einer permanenten Überforderung zu schützen.
Was bedeutet diese „News Avoidance“ für demokratisches Gestalten und gesellschaftliche Teilhabe? Braucht es zur Meinungsbildung und zu tiefem Verständnis tagespolitische Nachrichten? Welche Rolle spielt digitaler Dauerstress – und welchen Beitrag kann politische Bildung leisten, um einen selbstbestimmten Medien- und Nachrichtenkonsum zu fördern?
Diesem Themenkomplex widmete sich die Veranstaltung „News Avoidance – Keine Nachrichten sind auch keine Lösung?“, die in Kooperation des Zentrum Bildung und Gesellschaft, des Gallus Zentrum, des Museums für Kommunikation Frankfurt und des Präventiven Jugendschutzes der Stadt Frankfurt sowohl im Jahr 2025 als auch im Jahr 2026 stattfand. Zielgruppe der Veranstaltung waren Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Sozial- und Bildungsarbeit. Insbesondere praktische Methoden, die Zugänge zum Thema in der Arbeit mit Jugendlichen eröffnen können, standen im Fokus.
Die eigene Beziehung zu Nachrichten reflektieren
Ein zentraler methodischer Zugang bestand darin, die Teilnehmenden über ihre eigene Beziehung zu Nachrichten ins Gespräch zu bringen. Im vergangenen Jahr fand die Veranstaltung in den Räumlichkeiten des Gallus Zentrums in Frankfurt statt. Dort bildeten O-Töne von Menschen, die unterschiedliche Perspektiven auf ihre Beziehung zu Nachrichten schildern, den Ausgangspunkt: vom „News-Junkie“ bis zur bewussten Vermeidung. Diese waren Teil der Ausstellung „NACHRICHTEN – NEWS“, die 2025 im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen war. Die O-Töne waren digital verfügbar, sodass sie gut für einen Einstieg mit Fachkräften in Frankfurt genutzt werden konnten. 2026 wurde das Konzept weiterentwickelt und konsequent an den neuen Ausstellungsort verlagert: das Museum für Kommunikation Frankfurt. Die Ausstellung „NACHRICHTEN – NEWS“ wurde dabei nicht nur als inhaltliche Ergänzung und Einstieg, sondern als zentraler Lernraum genutzt. Bereits der Einstieg im Museum vor Ort über eine visuelle Bilderwand von historischen Ereignissen aktivierte erste Assoziationen und Diskussionen. Beide Einstiege eröffneten einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema und machten deutlich, wie individuell und biografisch geprägt Mediennutzung ist. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass Reaktionen auf Nachrichten stark von persönlichen Erfahrungen, aktuellen Lebenssituationen und emotionalen Ressourcen abhängen. Dies ist für das methodische Arbeiten mit Jugendlichen zum Thema zentral.
Funktionen von Nachrichten
Der eigene Nachrichtenkonsum erfüllt unterschiedliche Funktionen. Nachrichten können Orientierung geben, aber ebenso, meist aufgrund der Informationsmasse und der Schwere der Probleme, Ohnmachtsgefühle auslösen. In Diskussionen berichteten die Fachkräfte, dass viele Jugendliche sich von der Informationsflut überfordert fühlen, fatalistische Ansichten entwickeln und unsicher sind, welchen Quellen sie trauen können. Gleichzeitig erfüllen Nachrichten eine soziale Funktion: Nachrichtenkonsum kann Zugehörigkeit schaffen, Gesprächsanlässe bieten und ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Identitätsbildung sein. Die eigene Wahl der Informationsquellen ist dabei eng mit Fragen der Haltung, Identität und Selbstverortung verbunden. Besonders Jugendliche nutzen Medien zur Identitätsbildung und Gemeinschaftsfindung; Nachrichtenkonsum ist damit unmittelbar mit der Frage verknüpft, wer man ist und mit welcher Gemeinschaft man sich verbunden fühlt.
Vertrauen als zentrales Thema
Ein wiederkehrendes Thema in beiden Fortbildungen war die Frage nach Vertrauen. Jugendliche stehen häufig vor der Herausforderung, die Glaubwürdigkeit von Informationen einzuschätzen: Welche Quellen sind verlässlich? Wem kann man glauben? Gibt es überhaupt „die Wahrheit“? Mit diesen Fragen wenden sie sich auch an die Fachkräfte. Ein besonders prägnantes Ergebnis der Veranstaltung war das deutlich artikulierte Ohnmachtserleben vieler Fachkräfte. Eigene Überforderung, Unsicherheiten im Umgang mit politischen Themen und ein Gefühl mangelnder Orientierung wurden offen benannt. Der Wunsch der Jugendlichen nach einer eindeutigen, klaren Antwort spiegelt sich im Überforderungserleben einiger Fachkräfte wider. Diese Offenheit kann als wichtige Grundlage verstanden werden, um Unsicherheiten gemeinsam zu reflektieren und pädagogisch produktiv zu nutzen. Konkrete Methoden der politischen Bildung liefern Ansätze, um sich der komplexen Thematik anzunehmen und diese gemeinsam in einem Prozess zu bearbeiten. Dabei spielen das Aushalten von Widersprüchen, Spannungsverhältnissen, Abhängigkeiten und Dilemmata ebenso eine Rolle wie das Erkennen von eigenen Handlungsmöglichkeiten, sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene.
Praxis: The Feed und Simulation einer Pressekonferenz
Der bloße Konsum von Nachrichten schafft nicht automatisch Handlungsfähigkeit oder tieferes Verständnis. Wichtiger Bestandteil beider Veranstaltungen waren daher die Erprobung konkreter Methoden, die die Fachkräfte direkt mit Jugendlichen umsetzen können. Mit dem Spiel „The Feed“ wurde ein besonders niedrigschwelliger Zugang gewählt, um Mechanismen digitaler Plattformen erfahrbar zu machen. Teilnehmende konnten während der Veranstaltung 2025 das Spiel auf Tablets testen und spielerisch nachvollziehen, wie Algorithmen Aufmerksamkeit steuern und welche Dynamiken hinter personalisierten Feeds stehen. Das Spiel bietet diverse Vertiefungsmöglichkeiten, beispielsweise zu Aufmerksamkeitsökonomie, Datenschutz und Überwachung oder Identität und Zugehörigkeit. Während der Veranstaltung ergab sich im Austausch mit den Fachkräften ein Schwerpunkt zu Fragen der mentalen Gesundheit, für die das Spiel ebenso Anknüpfungspunkte und weitere methodische Bearbeitungen bietet. Ein zentraler Bestandteil des Konzepts 2026 war die Einbindung der interaktiven Ausstellung „NACHRICHTEN – NEWS“ im Museum für Kommunikation Frankfurt. Besonders prägend war dabei ein methodisches Stationenlernen. In sehr kurzer Zeit mussten Inhalte erarbeitet und in Form einer „Pressekonferenz“ präsentiert werden. Die Teilnehmenden übernahmen dabei die Rolle von „Expert*innen“ und hatten die Aufgabe, auf alle Fragen so zu antworten, als verfügten sie über umfassendes Wissen. Diese Zuspitzung erzeugte bewusst Druck und machte erfahrbar, wie herausfordernd es ist, komplexe Themen in kurzer Zeit verständlich zu erklären.
Politische Medienbildung als Raum für Orientierung und Handlungskompetenz
Die Veranstaltungen haben gezeigt: Angebote politischer Medienbildung sind unabdingbar und müssen Erfahrungsräume schaffen, in denen Unsicherheiten thematisiert und Kompetenzen aufgebaut werden können. Die Kombination aus persönlicher Reflexion, fachlichem Input und praxisnahen Methoden erwies sich dabei als besonders wirkungsvoll. Gewinnbringend war zudem die Möglichkeit, die Veranstaltungen im Gallus Zentrum sowie im Museum für Kommunikation Frankfurt durchzuführen: Fachkräfte kennen nun beide Orte als Lern- und Erfahrungsräume und können deren pädagogische Angebote gezielt mit Jugendgruppen nutzen. Gerade vor dem Hintergrund werbefinanzierter Plattformlogiken und globaler Abhängigkeiten wird deutlich, wie wichtig es ist, strukturelle Bedingungen digitaler Öffentlichkeit zu verstehen und zu reflektieren. So können Jugendliche darin gestärkt werden, ihren Nachrichtenkonsum bewusst zu gestalten und digitale Öffentlichkeit aktiv mitzugestalten.
Kontakt: Katharina Adams
