Evangelische Akademien Deutschland

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Evangelische Akademie Thüringen

Geschichte wiederholt sich

Workshop der Evangelischen Akademie Thüringen zum Thema Flucht


Flucht prägt viele Menschen und Familien in Thüringen. Am Dienstag, dem 1. Oktober beschäftigten sich Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Oststadtschule Eisenach in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg mit Fluchtgeschichten aus und nach Thüringen. „Ich bin total gespannt auf die Menschen und ihre Geschichten“, sagte Rahel, bevor es losging.

In einem World Café wurden im Projekt „Thüringer Fluchtgeschichten“ an vier Tischen ganz unterschiedliche Erzählungen gehört und viele Fragen gestellt. Adam Alazawe aus Erfurt berichtete von seinem Weg aus Syrien nach Deutschland und kam mit den Jugendlichen über heutige Fluchtgeschichten ins Gespräch. Berthold Dücker aus Geisa erzählte von seiner Flucht 1964 aus Thüringen nach Hessen. Als 16-Jähriger überwand er alleine die Grenze in den Westen, weil er die fehlenden Freiheiten und das Unrecht in der DDR nicht aushielt. Dr. Annika Schreiter brachte zwei Fluchtgeschichten aus Pommern nach Thüringen zur Zeit des 2. Weltkriegs mit. Michael Weise vom Lutherhaus Eisenach berichtete von Martin Luthers unfreiwilliger Flucht auf die Wartburg und seinem Exil unter dem Decknamen Junker Jörg. „Eine Flucht, die sich von den anderen Geschichten unterscheidet“, meint Weise. „Luther konnte nämlich irgendwann in sein altes Leben zurückkehren.“ Die Jugendlichen selbst haben zum Teil Flucht erlebt oder haben Freunde, Klassenkamerad*innen oder Familienmitglieder, die fliehen mussten. So konnte fast jeder und jede in dem World Café eine Fluchtgeschichte erzählen.

Jede Geschichte ist einzigartig, ebenso wie die Menschen, die sie erleben und durchleiden. Dennoch gibt es immer wiederkehrende Elemente: Die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Entbehrungen und die Angst unterwegs und dann, am Ziel der Träume, oft Enttäuschung. Denn dieses Ziel sieht meist ganz anders aus als erhofft und Geflüchtete erfuhren zu allen Zeiten und an allen Orten Ablehnung und Feindseligkeit. „Geschichte wiederholt sich und ich frage mich oft, warum wir nicht endlich klüger werden“, sagt Berthold Dücker zum Abschluss. „Kein Mensch auf der Welt ist illegal und meine Geschichte ist nicht anders als die von denen, die heute aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea flüchten.“

Die Jugendlichen verarbeiten ihre Erkenntnisse und die erfahrenen Geschichten im weiteren Verlauf des Projekts in Kurzfilmen und als Bildertheater. Am 8. November werden die neu erzählten Fluchtgeschichten zum Abschluss des Projekts in der Oststadtschule vorgestellt.

Kontakt: Annika Schreiter