Evangelische Akademien Deutschland

Protestantisch. Weltoffen. Streitbar.

Die Evangelischen Akademien in Deutschland

Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Once upon today... in Europe

Eine internationale Begegnung zu Geschichte und Erinnerung in Europa


Welchen Einfluss haben Erinnerungsnarrative auf unsere Identität? Wie lässt sich über unterschiedliche Wahrnehmungen historischer Ereignisse miteinander ins Gespräch kommen? Wie müsste eine Ausstellung konzipiert sein, die ganz verschiedene Perspektiven innerhalb Europas zusammenbringt? Diese und weitere Fragen diskutierten Fachkräfte der historisch-politischen Bildung und des internationalen Jugendaustauschs aus Rumänien, Polen, der Ukraine, Moldau, Estland und Deutschland im Rahmen des Projekts „Once upon today… in Europe“.

Der einwöchige Workshop war in diesem Jahr dem demokratischen Umbruch der Jahre 1989, 90 und 91 gewidmet. Das von der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) gemeinsam mit der Kreisau Initiative angebotene Training bot die Möglichkeit zum Kennenlernen der im Projekt entstandenen diversitätsorientierten Methoden sowie zum Austausch über aktuelle Herausforderungen in der historisch-politischen Bildungsarbeit angesichts des Krieges in Europa.

Blickwinkel reflektieren und Position beziehen

Kateryna Chernii (Doktorandin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) gab den Teilnehmenden einen Einblick in ihre Forschungsarbeit über die Transformationsprozesse in verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas. Dabei machte sie deutlich, wie unterschiedlich sich der demokratische Umbruch vor rund 30 Jahren gestaltete: Die „Singing Revolution“ der baltischen Staaten gilt als überwiegend friedlicher Prozess, wohingegen man in Rumänien innerhalb weniger Tage mittels gewaltvoller Straßenkämpfe das Ceaușescu-Regime stürzte. Während der Rückbau der innerdeutschen Grenze bereits 1989 begann, erwirkte die ukrainische Bevölkerung ihre Souveränität zwei Jahre später im Jahre 1991 und ist bis heute mit der Notwendigkeit ihrer Verteidigung konfrontiert.

Die Auflösung der Sowjetunion verursachte eine Reihe lokaler Auseinandersetzungen und eingefrorener Konflikte, die bis heute wirken. Was verraten Erinnerungsnarrative über die Bedürfnisse und Selbstverständnisse von Gemeinschaften? Wie gelingt es, Erzählungen zuzuhören, die der eigenen Version widersprechen? Wie stellt man als politische*r Bildner*in sicher, dass sich Gruppen nicht allzu schnell mit erwartbaren Differenzen zufriedengeben, sondern diese diskutieren? Die Erprobung der Methode „Same event – different stories“ vermittelte den Multiplikator*innen neue Ideen für die Anleitung von tiefgehenden Gesprächen, anhand derer sich über die Konstruktion und Funktionsweise historischer Narrative reflektieren lässt. Das Material steht auf der Projektseite zur Verfügung und lässt sich hier herunterladen.

Die Verortung europäischer Berührungspunkte

Im Anschluss an einen Besuch der Ausstellung „Berlin Global“ im Berliner Humboldt Forum diskutierten die Multiplikator*innen wichtige Kriterien einer diversitätsorientierten Ausstellungskonzeption. Sie überlegten, wie ein Europäisches Museum der Geschichte aussehen würde, wenn Geld keine Rolle spielte und sich alle Ideen einfach umsetzen ließen. Die Teilnehmenden hatten große Freude an diesem Gedankenexperiment und nutzen einen ganzen Tag, um in mehreren Teams Ausstellungsformate zu konzipieren: Hologramme historischer Figuren für einen virtuellen Ausstellungsbesuch, die Umnutzung sozialistischer Architektur für museale Räume, ein Geschichtsmuseum auf Rädern auf Europatour oder von Darsteller*innen zum Leben erweckte Schauplätze historisch bedeutsamer Debatten. Dass ein Ort europäischer Erinnerung für alle zugänglich und erfahrbar sein sollte – darüber waren sich die Teams einig.

Die Methode „A European museum of history“ stellte die Teilnehmenden vor die Herausforderung für ihre Ideen eine äußere Form zu finden, in der sich Menschen mit ihren unterschiedlichen Erinnerungen und Erzählungen wiederfinden. Da diese Aufgabe möglicherweise mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet, planten die Trainer*innen viel Raum ein, um Vorannahmen und Geschichtswahrnehmungen auszudrücken und genauer kennenzulernen. Ein Überblick zum Material findet sich hier.

In einer Zeit, in der wir in Europa einen fortschreitenden Nationalismus erleben und autoritäre Regime täglich Menschenrechtsverletzungen verantworten, ist es der et ein besonderes Anliegen, internationale Begegnungen zu ermöglichen und jungen Menschen einen friedlichen Austausch über streitbare Themen erfahrbar zu machen. Eine Fortführung des Projekts „Once upon today … in Europe“  ist auch für das kommende Jahr in Planung.
Weitere Einblicke in das Projekt gibt es hier:

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Text: Luisa Liebtrau
Kontakt: Ole Jantschek