Evangelische Akademien Deutschland

Pressemitteilung: Streben nach der Deutungshoheit


Nachdem sich Ende Februar die Nachrichten und Meldungen über den russischen Angriffskrieg überschlugen, waren auch wir aus der gesellschaftspolitischen Jugendbildung der ejsa Bayern erst mal geplättet, fassungslos und in Teilen vermeintlich hilflos im Umgang mit der Situation. Die ersten Anfragen zu dieser Thematik ließen nicht lange auf sich warten und auch das Bedürfnis nach fachlichem Austausch mit Kolleg*innen auf verschiedenen Ebenen rückte schnell in den Fokus. Gleichzeitig erlebten wir das persönliche Bedürfnis der Einordnung und Positionierung sowie der Auseinandersetzung mit der fortlaufenden Berichterstattung. Mit dem Begriff «Doomscrolling», also dem exzessiven Konsumieren von negativen Nachrichten, haben sicher viele Menschen Bekanntschaft gemacht.

Wie kann man sich einem Thema annähern, bei dem die Nachrichtenlage so unklar war, wie zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine? Wie schafft man es die Flut an Berichterstattung für sich selbst zu überblicken, wenn gleichzeitig eigene Unsicherheiten und Ängste daseinsberechtigt sind?

Der Faktor Zeit spielt in dieser Situation eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Workshop-Anfragen erscheinen im E-Mail-Postfach und der eigene Anspruch, diese inhaltlich korrekt und zeitnah umzusetzen, prägt sich zunehmend aus. Der Wunsch, etwas zu tun und der gefühlten Ohnmacht zu begegnen, kommt auf. Gleichzeitig ist hierbei ein bedachtes und reflektiertes Vorgehen essentiell, um Aktionismus zu vermeiden und dem Anspruch der Professionalität gerecht zu werden. Diesen Aufgaben mussten wir uns als Referent*innen der gesellschaftspolitischen Jugendbildung stellen und haben es uns zur Aufgabe gemacht, möglichst angemessen und zielgruppengerecht sinnvolle Schwerpunkte herauszuarbeiten und wichtige Bedarfe und Zielsetzungen ausfindig zu machen.

Welche Problemstellungen ergeben sich bei Jugendlichen?

Ein Großteil der Bevölkerung ist durch den russischen Angriffskrieg mit neuen privaten und beruflichen Herausforderungen konfrontiert. Dies gilt selbstverständlich auch für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Informationen und Bilder aus dem Krieg brechen mit dem gewohnten Alltag. Sorgen um die eigene Zukunft, die Sicherheit in Europa, individuelle Fluchterfahrungen, Spannungen im Freundeskreis oder ganz generelle Ängste und Verunsicherungen treten auf. Diese Problemstellungen durchziehen ganz verschiedene Lebensbereiche und -welten. So stellen sich die neuen Herausforderungen auch im digitalen Raum und beim Medienkonsum.

Welche Möglichkeiten gibt es, junge Menschen zu unterstützen?

Die Ereignisse im Krieg gegen die Ukraine stehen im Fokus der Berichterstattung. Die Meldungen und Bilder machen viele Erwachsene fassungslos, ebenso gilt das für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Kriegsinformationen- und bilder fallen aus dem gewohnten Alltag heraus und stellen eine hohe Belastung dar. Es ist wichtig, Kindern und Jugendlichen das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und Räume für ihre Ängste und Nöte bereitzustellen. Es braucht Zeit, sich den Fragen der jungen Menschen zu widmen. Neben dem Aufrechterhalten des gewohnten Alltags, wie Schule und das Treffen von Freund*innen, spielt die Orientierung in der Berichterstattung über den Krieg eine wichtige Rolle bei der Unterstützung.

In einer unglaublich hohen Taktung zirkulieren neue Informationen aus dem Kriegsgebiet. Im Internet und auf sozialen Netzwerken verbreiten sich diese rasend schnell, es fällt schwer den Überblick zu behalten. Ebenso sind nicht alle Nachrichten verifizierbar oder es handelt sich um bewusst in Umlauf gebrachte Falschinformationen als Teil der Kriegsführung. Es ist wichtig junge Menschen in ihren Ressourcen und Kompetenzen im Umgang mit Nachrichten und Informationen zu fördern und bestärken.

Wie kann konkret gegen gezielte Falschnachrichten, Verschwörungsideologien und Propaganda gearbeitet werden?

Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig Jugendlichen zu vermitteln, was die Unterschiede der einzelnen Desinformationsphänomene Falschnachrichten, Verschwörungsideologien und Propaganda sind. Mit dem Wissen über Charakteristika und Funktionsweisen verschiedener Methoden der Desinformation sind junge Menschen oftmals in der Lage, bereits anhand von wenigen Merkmalen solche Falschmeldungen zu erkennen.

Ein geeignetes Instrument stellt dabei das Spiel «Get Bad News» dar. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen können dabei in die Rolle eines «Bösewichts» schlüpfen, der auf spielerische Art und Weise versucht möglichst viele Falschmeldungen zu verbreiten und so Follower*innen zu generieren. Beim Anwenden eben jeder Methode ist es wichtig die Spieler*innen explizit auf den Rollenwechsel vorzubereiten und eine ausgiebige Reflexion über die Mechanismen und Gefahren der Verbreitung von Falschnachrichten vorzubereiten.

Ein Spiel, das sich ebenfalls gut eignet, die Kompetenzen der jungen Erwachsenen im Umgang mit Medien zu stärken, ist «Der Newstest» der Bundeszentrale für politische Bildung. Auch hier erlernen die Spieler*innen, welche Merkmale und Mechanismen Desinformation kennzeichnen.

Hilfreich ist es außerdem, Jugendlichen konkrete Angebote zukommen zu lassen, bei denen sie sich über das aktuelle Kriegsgeschehen informieren können. Nachrichten in Begleitung von Erwachsenen zu konsumieren erweist sich oft als bereichernd. Beispiele hierfür sind:

Im Handwerkskoffer zum Umgang mit Falschmeldungen und Verschwörungsideologien dürfen sogenannte Faktenchecker-Websites und Hilfestellungen zum Faktencheck nicht fehlen. Besonders gut und beliebt sind folgende:

Abschließend erweist es sich als sinnvoll, die Kompetenzen der Jugendlichen zu vertiefen. Hierfür eignet sich die Methode «Fakt oder Fake?». Bei diesem Spiel analysieren Jugendlichen Falschnachrichten, vermeintliche Falschnachrichten, aber auch nicht verifizierbare Nachrichten, mit der Aufgabe ihr theoretisches Wissen nun in der praktischen Anwendung zu überprüfen.

Besonders nicht-verifizierbare Nachrichten stellen eine Besonderheit des Spiels dar. In der aktuellen Situation des Krieges können viele Nachrichten nicht in «wahr» oder «falsch» eingeteilt werden. Sich über den Umgang mit diesem «Dilemma» auszutauschen ist ein wichtiger Teil der Arbeit mit Jugendlichen im Bereich der Medienbildung.

Welche Lehren für die Zukunft können wir aus der Vergangenheit ziehen?

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass dieser Krieg für die allermeisten plötzlich und unerwartet in unseren Alltag kam. Von einem Tag auf den anderen fanden wir uns in einer völlig neuen Lebensrealität wieder. Wir sahen uns mit neuen Herausforderungen in privaten, persönlichen und beruflichen Kontexten konfrontiert. Für viele stellt der Krieg eine emotionale und psychische Belastung dar und weckt doch auch den Wunsch sich solidarisch zu zeigen und zu helfen.

Dieser Hilfereflex kann jedoch schnell in Aktionismus umschlagen. Daher ist es wichtig, die richtigen Angebote zur richtigen Zeit bereitzustellen. Die aktuelle Lage ist komplex und oft undurchsichtig, weshalb eine gründliche und sensible Vorbereitung der unterschiedlichen Aktionen wichtig ist. Eigene Ressourcen und Kompetenzen im Blick zu haben spielt dabei eine wichtige Rolle. Um sich im Hinblick auf die nötige Medienkompetenz im Informationsgeschehen des Krieges zurechtzufinden, greifen Mechanismen wie Quellenprüfung, die bereits aus früheren Krisen, wie beispielsweise der Corona-Pandemie, bekannt sind.

In der Arbeit mit jungen Menschen zeigt sich immer wieder und zuletzt gehäuft, dass viele über ein breites Wissen und gute praktische Kenntnisse im Bereich der Informationsprüfung verfügen. Oftmals fehlt ihnen nur die Anerkennung und Bestätigung dessen. Daher sollte politische Jugendbildung Angebote machen, die Jugendliche in ihren bereits vorhandenen Kompetenzen bestärken.

Ansprechpersonen: Anna Richards & Danny Zuber