Evangelische Akademien Deutschland

Protestantisch. Weltoffen. Streitbar.

Die Evangelischen Akademien in Deutschland

Netzwerkprojekt

Die gesellschaftliche Aktualität der Reformation

Die Reformation hat alles verändert, nicht nur Kirche und Theologie, sondern auch Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Bildung und Medien, privates und öffentliches Leben. Im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 diskutieren die Evangelischen Akademien mit einer mehrjährigen Veranstaltungsreihe, wie sehr die Folgen dieses Ereignisses unsere Welt bis heute prägen und vor welchen aktuellen Veränderungen wir jetzt wieder stehen.

 

 

Projektprofil

Das EAD-Netzwerkprojekt zur „gesellschaftlichen Aktualität der Reformation“ ist 2016 mit einem Frauenmahl, einer Kunstaustellung und einer Tagung zu den „kulturell-konfessionellen Identitäten in Deutschland“ in sein drittes Jahr gestartet. Dieses dritte Jahr soll das Projekt auch zu einem vorläufigen Abschluss bringen, bevor sich die Ereignisse im eigentlichen Jubiläumsjahr der Reformation mit Staatsakten, Weltausstellung, europäischem Stationenweg etc. überschlagen werden. Die hochkarätig und international besetzte Tagung in Tutzing zu „Religion – Kultur – Gesellschaft“ nimmt die drei Themenkränze des EAD-Projekts noch einmal auf und versucht bisherige Erkenntnisse und neue Impulse zusammenzubringen.

Die Bundeszentrale politische Bildung, der Beauftrage der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Evangelischen Akademien in Deutschland haben in mehreren Gesprächen ausgelotet, ob und wie ein Kooperationsprojekt im Vorfeld des Jubiläums der Reformation 2017 angelegt werden müsste. Kern der sich dabei herausschälenden Idee war nicht, für das Jubiläumsjahr selbst (weitere) Veranstaltungen zu planen. Vielmehr soll im Vorfeld des Jubiläumsjahres die Bedeutung der Reformation für die gesellschaftliche Entwicklung reflektiert und vermittelt werden. Im Zentrum steht die gesellschaftliche Aktualität der Reformation für unsere Gegenwart und die absehbare Zukunft. Das kann weder die Geschichte der Reformation noch (im engeren Sinne) deren theologische Vergewisserung ausblenden, stellt sie aber unter die Leitfrage ihrer Bedeutung für die Gegenwart einer demokratischen Zivilgesellschaft.

Hintergrund

Mit der Reformation entstand in der mittelalterlichen Welt etwas bis dahin völlig Ungewohntes: die eine, „heilige“, römisch-katholische christliche Kirche spaltete sich auf. Neben der einen, traditionellen Kirche entstand eine andere Konfession, schließlich eine Pluralität christlicher Kirchen. Die Entstehungsgeschichte des Protestantismus ist durchzogen von Feindschaften und Kämpfen, erst nach vielen Kriegen, Auseinandersetzungen und Irrwegen setzte sich in Europa schließlich der Gedanke der Toleranz und der Differenzierung von Staat und Religion durch: Die Anerkennung des Existenzrechtes anders Denkender und anders Glaubender und deren staatliche Absicherung in Menschen- und Bürgerrechten. Damit ist der Protestantismus zutiefst in die Genese der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer demokratischen Verfassung involviert. Eines der Leitthemen dieses Projektes ist deshalb die Reflexion des Verhältnisses von Religion und Politik.

Die Reformation hat an der Schwelle zur Neuzeit stattgefunden und war ein wichtiger Impulsgeber für den Übergang in ein neues Zeitalter. Sie nutzte die damals neuen Medien und Kommunikationstechniken und wäre ohne Buchdruck und Flugschriften nicht denkbar. Sprache und Kultur wurden im Geist des Protestantismus in einem spezifischen Sinne fundamental für menschliches Selbstverständnis, eine Bedeutung, die Sprache und Kultur nun weit über die religiöse Sinndimension hinaus hat. Wenn Gottes Wort nur als menschliches Wort zugänglich ist, ist die Heilige Schrift deutungsoffen, sie muss wie alles in der Kultur immer wieder neu verstanden und übersetzt werden. Reformation und Renaissance stehen damit am Anfang einer Revolution unseres Selbstverständnisses als kulturelle Wesen: Sprache und Kultur sind ein gesellschaftsgeschichtlich sich wandelnder Deutungshorizont, in dem wir uns, Gott und die Welt verstehen. Nur im Medium von Sprache und Kultur gibt es uns, gibt es Gott und die Welt für uns. Deshalb ist diesem Projekt die Dimension von Kultur, Sprache und Medien als zweites Leitthema eingeschrieben.

Die wichtigste säkulare Schrift zum Protestantismus ist Max Webers Analyse der protestantischen Arbeitsethik. Auch wenn erhebliche Zweifel an Webers Interpretation erhoben wurden, so ist doch unstrittig, dass die protestantische Entwicklung in der frühen Neuzeit die Etablierung bürgerlicher Verhältnisse, mithin die Entstehung des Kapitalismus förderte und legitimierte. Analog zur Trennung von öffentlich und privat spaltete sich das Familien- vom Berufsleben. Arbeit als Sinnerfüllung und Gewinnstreben, als intrinsisch motivierte Zwecktätigkeit derer, die nicht von Eigentum leben können, verband sich im bürgerlichen Selbstbild, ohne das die Transformation von der spätfeudalen zur marktwirtschaftlichen Ökonomie nicht vollzogen worden wäre. Arbeit, nicht Stand ist seitdem eines der Existenziale unserer gesellschaftlichen Existenz. Dementsprechend fragt unser Projekt nach der Gegenwart und Zukunft von Arbeit, nach Defiziten und Entwicklungsmöglichkeiten der Wirtschaft der Gesellschaft.

Diesen drei Leitthemen – Religion / Politik, Kultur, Arbeit – wenden sich einzelne Vorhaben fokussiert zu. Sie sind aber darüber hinaus als Leitdimensionen unseres Projektes angelegt, die sich nicht auf vermeintlich trennscharfe Sachgebiete beschränken lassen. Sie benennen vielmehr Dimensionen, in die die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Reformation für die Gegenwart gerückt werden soll.

Rückblickend ist offensichtlich: Die Reformation hat sehr vieles verändert. Kirche und Theologie, Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Bildung und Medien, privates und öffentliches Leben. Sie hat langfristig der Individualisierung, der Pluralisierung und der Globalisierung Vorschub geleistet wie der Trennung von Staat und Kirchen. Dieser vielfältigen Bedeutung des Protestantismus weit über den Bereich von Kirchen und Religionen hinaus soll das Projekt anhand ausgewählter Themen gegenwartsbezogen nachgehen. Entscheidend hierfür ist es, die Vielfalt der Perspektiven auf die gesellschaftlichen Wirkungen des Protestantismus differenziert aufzugreifen und miteinander zu vermitteln. Für die Realisierung des Projektes ist es deshalb wichtig, themenspezifisch Kooperationspartner zu beteiligen.

In die Zukunft blickend ist wesentlich: Die Reformation ist ihrem theologischen Kern nach nie abgeschlossen. Das gilt gerade auch für ihre gesellschaftliche Relevanz. Weltdeutung aus reformatorischer Sicht bedeutet: Der Mensch lebt in der Spannung, als Homo Faber er selbst sein zu müssen und zu können, zugleich zu glauben, dass er nicht in sich selbst, sondern in Gott gründet. Er weiß um die Botschaft des Evangeliums, die Gottes Zuspruch in menschlichen, deutungsoffenen Worten mitteilt. Er steht in der Gefahr, auf der Gratwanderung durchs Leben abzustürzen und sich ungeborgen in der Welt zu finden. Protestantismus als Haltung heißt: Leben in der Dauerreflexion, nicht in der Gewissheit des Zuspruchs „so ist die Welt“. Vielmehr fragend, suchend, zweifelnd: „Ist es so?“. Nicht(s) hinnehmen, sondern ändern – so lautet der protestantische Antrieb. Der Einzelne kann etwas bewirken, er soll es auch. In dieser Sicht ist die Welt nicht einfach gegeben, sie ist dynamisch, offen für Veränderungen, für die wir selbst die Gestaltung und die Verantwortung übernehmen.

 

Religion und Politik

In der Folge der Reformation etablierten sich neben der katholischen Kirche evangelische Kirchen in Europa. Diese institutionelle Spaltung des Christentums führte zu einem grundlegenden Problem in der Begründung staatlicher Souveränität. War das Gottesgnadentum des Monarchen zuvor durch die eine christliche Kirche abgesichert, wurde nun die kirchliche Vermittlung der göttlichen Legitimation des Souveräns strittig. Dies trug zur Suche nach neuen Begründungen von Recht und Staat bei, sei es als Naturrecht wie bei den Protestanten Hugo Grotius, Samuel von Pufendorf und John Locke oder als Vertragsrecht wie bei Thomas Hobbes, der deshalb u.a. von der anglikanischen Kirche der Häresie beschuldigt wurde. Vollends mit der Aufklärung öffnete sich damit der theoretische und politische Horizont für die Begründung staatlicher Souveränität im demos und für die Erklärung unveräußerlicher Menschenrechte.

Heute ist die rechtsstaatliche Demokratie die Grundlage unseres Gemeinwesens. Die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger in christlich orientierter Prägung zeigt sich in vielfältiger Weise, unter anderem auch in der Wahrnehmung von politischen Mandaten. Zahlreiche Christinnen und Christen engagieren sich als gewählte Vertreterinnen und Vertreter des Volkes oder in politischen Initiativen – sie sind Träger der demokratischen Gesellschaft und haben in vielfacher Weise Einfluss und Macht, diese zu gestalten.

Diese Nähe zur Macht ist ebenfalls religionskulturell geprägt. In seiner Kritik an den kirchlichen Obrigkeiten wandte sich Luther an die weltlichen Herren. Er schätzte ihren Schutz, kooperierte, kritisierte, sprach aber immer mit flammenden Worten gegen eine religiöse Überhöhung der Macht. In seiner Zwei-Reiche-Lehre, wie sie später in der lutherischen Orthodoxie festgehalten wurde, schärfte Luther die Unterscheidung von Welt und Religion. Regieren ist ein Geschäft der weltlichen Vernunft; Regenten sind kritisierbar; absolute Machtdurchsetzung findet ihre Grenze an Einsicht und Gemeinwohl.

Ausgehend von dieser Position hat der Protestantismus eine doppelte Versuchung kennengelernt: einerseits der Macht zu verfallen, wie es im Kaiserreich und im Nationalsozialismus viele taten; oder andererseits sich in Machtabstinenz und Innerlichkeit zu verschanzen und auf das Politische moralisierend herabzublicken. Ein konstruktiv-kritisches Verhältnis zwischen diesen Polen, zwischen Machtgier und Politikverachtung, ist in der Reformationszeit vorgedacht. Auch hier findet sich also eine geistige Ressource für „Re-Formation 2017“, die es angesichts sinkender Wahlbeteiligungen, erodierender Parteibindungen und mancher simpler politischer Parolen zu entfalten gilt. Wie kann sie in unserer Zeit für die Weiterentwicklung der deutschen wie der europäischen Demokratie eingebracht werden? Wie ist heute das Zusammenwirken der Religionen in einer multireligiösen Gesellschaft demokratisch zu organisieren? Brauchen wir eine Neubestimmung des Verhältnisses von Staat, Kirchen und Religionen? Wie kann der erodierenden Legitimation formaler, in Verfahren begründeter Demokratie begegnet werden? Brauchen wir eine erneuerte Diskurskultur, die die unterschiedlichsten Interessenten an politischen Entscheidungen einbindet, aber auf das Ideal rationaler, gemeinwohlorientierter und einvernehmlicher Lösungen verpflichtet?

 

Kultur, Sprache und Medien

Die Reformation war mit der Entwicklung von Medien sehr eng verknüpft: Der nur einige Jahrzehnte zuvor entwickelte Buchdruck hatte im frühen 16. Jahrhundert die schnelle Verbreitung von Flugschriften wie auch die schnelle Verbreitung neuer Bücher möglich gemacht. Diese Medien standen im Mittelpunkt reformatorischer Auseinandersetzungen. Durch die Flugschriften konnten viel mehr Menschen erreicht werden als in früheren Zeiten. Sie führten zu einer Zuspitzung der Argumentation, die durchaus propagandistische Züge annehmen konnte. Doch auch die Verbreitung von Büchern war nun leichter möglich, die Unterdrückung unliebsamer Bücher und Flugschriften wurde zu einer Sisyphusarbeit für die Obrigkeit.

Die Bibelübersetzung Luthers hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache. Es war nun für viele Menschen erstmals möglich, die eigene Frömmigkeit mit Hilfe der Worte des Psalters und der Evangelien zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig stieg mit der deutschen Übersetzung der Bibel und ihrer Verbreitung durch den Buchdruck das Bedürfnis nach Lesefähigkeit. Die Hausgemeinschaft als Ort der Frömmigkeit gewann an Bedeutung. Nach der Auffassung der Reformatoren sollte jede Hausgemeinschaft in der Lage sein, biblische Texte zu lesen und sie in den Mittelpunkt der Andacht zu stellen. Die veränderte Frömmigkeit wirkte mithin auf die Literalität in der Bevölkerung, eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im Allgemeinen und für das Bildungssystem im Besonderen. Die Verbreitung von Flugschriften und Frömmigkeitsliteratur beschleunigte diese Entwicklung.

Auch heute stehen wir an einer ähnlich tief greifenden Wende in der Entwicklung der Medien. Die Etablierung des weltweiten Internets führt zu Veränderungen im Kommunikationsverhalten, die wir erst langsam zu spüren beginnen. Mittlerweile zählt man schon die dritte Phase des Wandels. Stand in der ersten Phase der Aufbau der Internetstruktur im Mittelpunkt und das Entstehen einer Vielzahl von Internetseiten, so ist es in der zweiten Phase die Etablierung sozialer Netze, in der nicht mehr Anbieter dominieren, sondern die Nutzer selbst, die innerhalb von sozialen Foren ihre Kontakte pflegen. Die dritte, gegenwärtige Phase macht das Internet mobil überall verfügbar durch so genannte Smartphones. All dies geschah in der sehr kurzen Zeitspanne von etwa zwei Jahrzehnten. Doch heute schon sind erhebliche Auswirkungen an vielen Orten der Gesellschaft spürbar. Deutlich wird das unter anderem im Bereich der traditionellen Printmedien, allen voran den regionalen Tageszeitungen. Doch auch in vielen anderen Bereichen zeichnen sich gravierende Veränderungen ab, sowohl in privaten wie auch in öffentlichen Institutionen. Offenkundig sind wir aber erst am Beginn eines medial induzierten Wandels der gesellschaftlichen Strukturen.

Der Buchdruck hat zusammen mit der evangelischen Forderung nach Orientierung an den biblischen Texten und der Übersetzung dieser Texte in die jeweilige Landessprache zu einer rasch wachsenden Literalität der Bevölkerung geführt. Welche kulturelle Kompetenz wird mit den neuen Medien ausgebaut werden? Welche Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen sind zu erwarten? Wie verhält sich die revolutionäre Ausweitung der Kommunikation durch digitale Technik zur Teilhabe der Menschen am kulturellen Reichtum und an der politischen Gestaltung unserer Welt? Zeichnet sich mit der Kommerzialisierung, mehr noch mit der Vorordnung ökonomischer Kriterien vor allen anderen Kriterien ab, dass gesellschaftliche Integration, die Sicherung kultureller Standards, Partizipation, Bildung, Erziehung, Kritik und Kontrolle an Bedeutung verlieren werden? Was bedeutet dies für die Fähigkeit der neuen Medien, auch langfristige Orientierung zu bieten? Wie können im Umfeld der neuen Medien neue Öffentlichkeitsformen entstehen, die kritische, auf Emanzipation und Transparenz ausgerichtete Diskurse ermöglichen?

Welchen Stellenwert hat die Sprache heute? Die Schriftsprache wird erkennbar funktionaler, sie ist in der alltäglichen Kommunikation oft nur noch eine Begleitung von Fotos und bewegten Bildern. Die modernen Kommunikationsmittel beeinflussen einerseits die Sprache, andererseits die Lebensformen. Die biblischen Texte in der Lutherübersetzung sind zu einem Fremdkörper geworden, auch wenn führende Schriftsteller sich an ihr orientiert haben wie einst Bertolt Brecht. Mit der Form der Kommunikation wandelt sich auch die Form der Gemeinschaft. Menschen müssen heute nicht mehr in räumlicher Nähe wohnen, um jederzeit miteinander kommunizieren zu können. Welche neuen Gemeinschaftsformen entstehen, wie wird religiöse Kommunikation in der Zukunft stattfinden? Wie also wirken sich die Medien unserer Zeit auf das aus, was gesagt, gedacht und geglaubt werden kann? Aufgrund dieser Fragen werden wir in unserem Projekt unterschiedliche mediale Formen der Kommunikation einsetzen und im Gesamtzusammenhang reflektieren.

 

Arbeit

Die Reformation hat die strikte Teilung in der mittelalterlichen Welt zwischen dem sakralen Raum, der auf Gott hin ausgerichtet ist, und dem säkularen Raum, in dem die Arbeit zum Lebenserhalt getan wird, aufgebrochen. Heilige Orte und Gegenstände verloren an Bedeutung, die alltägliche Arbeit zum Lebenserhalt dagegen gewann an Bedeutung. Die neue Auffassung des weltlichen Berufs war nach Bonhoeffer „der größte Angriff“ auf die Welt, wie sie vorher bestand. Der weltliche Beruf wird mit der Berufung, der religiösen Ausrichtung des Lebens in Verbindung gebracht. Auch in der weltlichen Arbeit soll sich nun die Frömmigkeit eines Menschen bewähren. Ihr Ertrag, so die Sicht Calvins, kann ein Ausweis der Gottgefälligkeit des eigenen Tuns sein. Die Reformation stellt das ganze Leben und so auch die alltägliche Arbeit unter die Forderung nach einem gottgefälligen Leben.

Die Arbeitswelt befindet sich heute erneut in einem grundlegenden Wandel. Lange Zeit war im industriellen Zeitalter der Beruf eine lebensbegleitende Tätigkeit, die einmal in jungen Jahren erlernt und dann bis zum Ende der Berufsbiographie ausgeübt wird. Heute findet Arbeit immer stärker in Kontexten statt, die nicht mehr einer eindeutigen beruflichen Qualifikation zuzuordnen sind. Die einst die ganze Gesellschaft prägende Trennung von Beruf und Freizeit, von Arbeitswelt und Privatheit wird zunehmend unscharf. Damit werden die Zumutungen an die Arbeitenden neu definiert: An die Stelle des äußeren Kontrollregimes der Fabrik oder Behörde rückt der Zwang, sich selbst wie ein Unternehmen, wie eine „Ich-AG“ zu Markte zu tragen.

Diese Veränderung hat bislang vor allem so genannte kreative und höhere Berufe erfasst. Zugleich können immer mehr Menschen ihren Lebensunterhalt nicht durch die Ausübung ihres Berufs bestreiten und müssen sich um eine zusätzliche Beschäftigung bemühen. Die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse wächst. Die stark gewachsene Flexibilität des Arbeitsmarktes kann für die sehr gut Ausgebildeten mehr Freiheitsgrade bedeuten, die allerdings für den beruflichen Erfolg ausgenutzt werden müssen. Für die gering Qualifizierten ist sie eine existentielle Bedrohung. Dennoch werden unverändert das eigene Selbstverständnis und die soziale Wertschätzung eng an die Erwerbsarbeit gebunden. Wie kann ein Mensch auch heute zu einer beruflichen Erfüllung kommen? Wie muss sich die Gesellschaft ändern, dass es Menschen auch künftig gelingt, ihre Erwerbsbiographie als eine sinnstiftende Entwicklung erleben zu können? Was ist heute „gute Arbeit“? Welche psychischen und sozialen Folgen hat die Aufhebung der Trennung von Beruf und Privatleben?

 

Materialien

„Format r+“: Projekt der Evangelischen Akademie Meißen

Vom 7. Januar bis zum 12. Februar 2016 zeigte die Deutsche Gesellschaft e. V. im Europasaal 12 Portraitfotos aus der Reihe „Hartz IV als Stigma“, die Teil des Reformationsprojektes „Die gesellschaftliche Aktualität der Reformation“ ist. Die Ausstellung wurde erstmals in Berlin gezeigt. Eindrücke vom Projekt der Evangelischen Akademie Meißen finden Sie hier.

 

Hier können Sie sich die Flyer mit allen Veranstaltungen von 2014 – 2016, die im Rahmen es Netzwerkprojektes stattfanden, herunterladen:

Ansprechpartner*innen

Projektleitung

Ansprechpartner*innen in den Akademien

Eindrücke

Über das Projekt hinaus

Blog:  www.hier-stehe-ich.de

Seinen Standort in Sachen Internet genauer bestimmen kann man in einem neuen Blogg der Ev. Akademie des Rheinlands. Um Online-Identität und um Veränderungen der realen – durch die virtuelle Welt geht es bei deren Tagung vom 23./24. Mai 2014 „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ (link is external). Im Blogg kann man schon einemal Thesen posten und zum Thema diskuttieren. Die gesammelten Beiträge fliesen dann bei der Tagung „offline“ ein.