60 Jahre Evangelische Akademien in Deutschland -
Jean-Arnold de Clermont
"Was für eine Gesellschaft sind wir dabei zu errichten? Diese Frage bestimmt
die Debatte über die Zukunft Europas: Sollte man, zusammen mit den Franzosen
und den Holländern, alarmiert sein von dem Bild eines Europas, in dem für
Solidarität kein Platz mehr ist? Das soziale Gerechtigkeit dem erhofften maximalen
Profit einer großen freien Marktwirtschaft opfert? Soll man eine gemeinsame
europäische Verteidigung ins Auge fassen? Soll man die biomedizinische
Forschung sich frei entwickeln lassen oder durch eine Ethik-Kommission zähmen?
Diese Fragen und viele weitere kirchlicher Art, wie die der Anpassung unserer Kirchen
an eine säkularisierte Welt, fordern uns heraus. Bewältigen können wir sie in Zukunft
nur im Rahmen einer ökumenischen, interkulturellen oder interreligiösen Forschung.
Den sechzigsten Jahrestag der Evangelischen Akademien in Deutschland zu feiern heißt
daher auch: Überzeugung und Vertrauen in diese lange Forschungstradition im Dienste
des christlichen Zeugnisses in Europa für die Zukunft haben."
Jean-Arnold de Clermont, Präsident der Evangelischen Vereinigung in Frankreich
Prof. Dr. Detlev Ganten
"Die Evangelischen Akademien in Deutschland werden 60. Dazu gratuliere ich
herzlich. Das zentrale Anliegen, Freiraum zu schaffen für tolerante Auseinandersetzung,
für Anerkennung unterschiedlicher Auffassungen und dadurch für
neue Wahrnehmungen ist ein hohes Ziel. Die Evangelischen Akademien erreichen
dieses immer wieder erfolgreich mit ihren vielfältigen Veranstaltungen.
Ihr Beitrag zu einer verantwortungsvollen Zivilgesellschaft mit selbstbewusst
Handelnden ist von großer Bedeutung. Auch Wissenschaft will informieren, beteiligen
und letztlich sinnstiftend und sinnvoll sein. Für Max Planck stehen Naturwissenschaft
und Religion auf derselben Seite des humanen Kampfes gegen Unverständnis, mit
dem Unterschied, "...dass der religiöse Mensch am Anfang bei Gott ist und der wissenschaftliche
am Ende zu Gott findet...", wie er es sagte.
Ich wünsche den Evangelischen Akademien auch für die Zukunft viele anregende Veranstaltungen
unter Beteiligung aller wissenschaftlichen Disziplinen."
Prof. Dr. Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charité - Universitätsmedizin Berlin
Katrin Göring-Eckart
"Die Evangelischen Akademien sollen offen sein. Offene Häuser im besten Sinne,
die Einladen zum Miteinander, zum Austausch, zur Debatte. Sie sollen moderieren
und Menschen zusammenzubringen - aus verschiedenen Milieus, aus
verschiedenen Kulturen, Religionen und Nationen. Sie sollen bilden und klugen
Diskurs führen, etwas entstehen lassen, das mehr ist als das, was schon so oft
gedacht, schon so oft gesagt ist. Evangelische Akademien sollen Themen der
Gesellschaft und der Kirche aufgreifen und vertiefen. Aber sie sollen auch neue
Themen setzen, entwickeln, verstärken. Sie sollen erden und sie sollen hochfliegen lassen.
Akademien sollen visionär sein. Orte zum Denken und zum Überwinden von Grenzen.
Sie sollen Vorbild sein, im Umgang untereinander und beim Bewahren der Schöpfung.
Und Akademien sollen Orte sein des Gebets, der Besinnung, des Zur-Ruhe-
Kommens. Menschen sollen hier Kraft schöpfen können und Stärkung erfahren für ihren
Alltag. Geistig, geistlich und protestantisch gut."
Katrin Göring-Eckart, Bundestagsvizepräsidentin
Reinhard Höppner
"Vielleicht muss man die Evangelischen Akademien in der DDR in Erinnerung
haben, um gleich zu wissen: Hier passiert etwas für die Kirche Unverzichtbares.
Sprachfähig werden im Blick auf den eigenen Glauben. Weltverantwortung
lernen auch gegen den Trend. Ins Gespräch kommen mit anderen über die Herausforderungen
der Zeit. Freiraum zum Denken. In den Akademien war immer
klar: Das Evangelium ist eine politische Angelegenheit. Spiritualität und
Weltverantwortung gehören zusammen.
Und heute? Die Aufgaben stehen nicht weniger heftig an. Die Chancen sind da. Werden
sie auch entdeckt und genutzt in der Vielfalt unserer Bildungslandschaft? Der Testfall ist
die junge und mittlere Generation. Damit ist klar: Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die
Antwort kann nur mit guter Arbeit gegeben werden."
Reinhard Höppner, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages
Prof. Dr. Alfred Grosser
"Mehrere Jahrzehnte habe ich an Veranstaltungen der Evangelischen Akademien
als Redner oder als Mitstreitender teilgenommen. Manchmal war es ein
hartes, aber immer ein faires Gegeneinander, unter anderem in den achtziger
Jahren, als das Wort Freiheit aus übertriebener Ostfreundlichkeit innerhalb der
EKD wenig verwendet wurde. Manchmal eine große Ehre: das Akademiejahr in
Tutzing eröffnen zu dürfen und dabei mit dem Bayerischen Innenminister über
Asylanten offen diskutieren zu können. Die vielleicht beste Rede habe ich nicht
gehört, sondern nur gelesen: Joachim Gauck 1997 anlässlich des Jubiläums 50-jähriger
Akademiearbeit in Thüringen mit der Aussage: "Sie (die ostdeutschen Akademien) wissen
nach der Diktatur, dass das weniger Schlechte in der Politik ein hoher Wert ist." Heute
sind die Akademien nützlicher denn je. Weil immer mehr zu bewirken ist. Leider?"
Prof. Dr. Alfred Grosser, Soziologe und Politikwissenschaftler
Dr. Gruber
"60 Jahre Evangelische Akademien in Deutschland: Ohne Frage ein Aktivposten
der Kirche in unserer Gesellschaft. Angetreten, um einen Beitrag zur Neuordnung
des öffentlichen und geistigen Lebens nach dem Zusammenbruch
1945 zu leisten, haben die Akademien sich seither ebenso um eine Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit wie um die Klärung von Gegenwartsfragen
politischer, sozialer und kultureller Art bemüht - und das in einer in den Kirchen
bislang kaum bekannten Offenheit gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen.
Kirche und Welt treffen hier unmittelbar aufeinander. Und wenn der geschützte
Raum einer Akademie sogar programmatische Neuorientierungen in der Politik
ermöglicht, wie 1963 den legendären "Wandel durch Annäherung" durch Egon Bahr in Tutzing,
dann bestätigt dies umso mehr: Akademien sind ein Aktivposten der Kirche."
Dr. Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks
Dr. Dieter Hundt
"An kurzatmigem und vordergründigem Schlagabtausch mit nur leicht verschleierter
politischer Taktik herrscht in Deutschland kein Mangel. Die ausführliche
Auseinandersetzung mit Blick über den Tellerrand dagegen ist leider Rarität.
Es ist das Verdienst der Evangelischen Akademie, für solche Foren jenseits
der Tagesaktualität, aber sehr wohl mit aktueller Bedeutung einen Raum
zu bieten, ja diesen Raum erst zu schaffen. Hier muss nicht am nächsten Tag
die Entscheidung gefällt werden, hier dominiert ein Geist, auf die andere Perspektive
einzugehen und das begründete Argument gelten zu lassen. Ich habe bislang
immer davon profitiert, meine Position in der Diskussion überprüfen zu lassen, rechtfertigen
zu müssen und auch nochmals gedanklich zu durchdringen."
Dr. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA
Prof. Dr. Hans Joas
"Die traditionelle Sprache des Christentums trifft in den säkularisierten Gesellschaften
Europas heute, insbesondere im intellektuellen Leben, auf taube Ohren.
In dieser Situation ist es die Kunst der Evangelischen Akademien, Übersetzungsarbeit
zu leisten. Sie sind mehr als Foren für Debatten, die auch andernorts
jederzeit stattfinden könnten. Sie lassen vielmehr ihr christliches Profil
jederzeit erkennbar sein. Mit ihrem Sensorium für die Tendenzen der Zeit gelingt
es ihnen, den eigenen Glauben und die christliche Tradition in sich wandelnde
Milieus hinein zu übersetzen, angesichts individualisierter Sinnsuche, im Bewußtsein
der Globalisierung des Christentums und des universellen Anspruchs, den das Christliche
immer schon verkörpert."
Prof. Dr. Hans Joas, Leiter des Max Weber Kollegs, Erfurt
Dr. Otto Kallscheuer
...und schärfer!
"Nach dem Kriege gab es in Deutschland das Wort noch nicht. Doch die Evangelische
Akademien waren schon "think tanks" für Demokratie. Nachhaltig bemühten
sie sich um die für den Neuanfang notwendigen Denkräume, mitten in
der deutschen Schuld.
Im Europa ohne Eisernen Vorhang, doch mit neuen, unsichtbaren Mauern, sollten
Evangelische Akademien zum weltoffenen Denken anstiften, auch über den
Gestaltwandel des Christentums selber. Wann, wenn nicht jetzt, muss über die Zukunft
der evangelischen Christenheit gestritten werden? Wo, wenn nicht im Mutterland der Reformation?
Und wie? - Ohne Beschönigung und ohne schuldverliebte Weinerlichkeit, vielmehr dramatisch
und präzise - voller Angst und Zweifel, mit Pflicht zur Sachlichkeit! Christliche
Weltverantwortung braucht jene Demut gegenüber den Tatsachen, für die Meinungsführer
und Talkshowkönige der Nation keine Zeit mehr haben.
Wo aber weht der Wind christlicher Freiheit heute? Wo scheidet Gottes Logos noch die
Geister? Lebendig - zwischen gefühliger Wellness-Spiritualität und ritualisierter Sozial(
an)klage? Und kräftig - zwischen Leuchtfeuern amtskirchlicher Verschlankung und
staatsbegleitender Mahnkultur? Und schärfer - mitten drin und doch im gutwilligen Mainstream
nicht aufgehend? Evangelische Akademien sollten zweischneidig bleiben."
Dr. Otto Kallscheuer, Philosoph und Politikwissenschaftler, Autor und Kolumnist
Dr. Thomas Leif
Kläranlagen des Denkens
"Evangelische Akademien sind für viele Menschen fruchtbare Anregungs-Oasen,
Fluchtpunkte im Einerlei des Mainstreams und oft genug Kläranlagen des
Denkens. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie wichtige Themen aufgegriffen
und den ausgearbeiteten Fragen Tiefe gegeben. Es ist sicher nicht übertrieben,
wenn man die Evangelischen Akademien als Motoren der intellektuellen
Reflexion in Deutschland identifiziert. Aber - aus der Vogelperspektive beobachtet
- agieren viele Akademien zu introvertiert, sind sich selbst genug und achten
zu wenig auf die Multiplikation der entwickelten Gedanken, Thesen und Positionen aus
protestantischer Perspektive. Wollen die Evangelischen Akademien - als Hort der Diskurse
und des spielerischen Ernst - künftig wirksamer agieren, müssen sie nach meiner
Wahrnehmung ihre Stärken stärken und ihre Schwächen beheben. Praktisch heißt das:
Konzentration, Zuspitzung und Erweiterung der intellektuellen Wertschöpfungskette.
Konzentration auf die wirklich wichtigen und kontroversen Themen in unserer Gesellschaft,
der Mut zu Schwerpunkten und Akzenten - wäre wohl zu realisieren, wenn der
Wille stark genug wäre. Das bedeutet aber eine Abkehr vom bequemen "anything goes
- Kurs" und einer gewissen Beliebigkeit bei der Themenwahl, die sich zu oft auf die persönliche
Kompetenz-Agenda der Macher stützt. Pointiert heißt das: die Evangelischen
Akademien müssen die politischen Tabus der Republik aus der Schweigezone reißen.
Dazu gehören etwa die Sklerose der Parteiendemokratie und die Konsequenzen für den
Rechtsstaat, die unerträgliche Folklore rund um die mächtige, aber undemokratische Europäische
Union oder die Mythen der Arbeitsmarktpolitik, die "Betreuungskunden über 50"
systematisch ausgrenzt. Zuspitzung in der Themenführung und inhaltlichen Positionierung
ist nötig, um erkennbarer zu werden und nicht so glatt zu erscheinen wie ein Stück
Seife. Evangelische Akademien müssen Aufklärung neu definieren und mit ihren Programmen
vorleben."
Dr. Thomas Leif, Chefreporter Fernsehen SWR Mainz, Vorsitzender netzwerk recherche
Jutta Limbach
"Die Akademie hat in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder kritikfreudige
Zeitgenossen aus allen Kreisen der Bevölkerung zu den unterschiedlichsten
Themen anzuziehen gewusst. Diese haben die Verantwortungsträger
aus Staat und Gesellschaft unnachsichtig mit den allzu menschlichen Problemen
ihres Tuns und Lassens konfrontiert. Hier haben Politiker und Experten immer
wieder Nachhilfe in Kritik und Dialogfähigkeit erhalten. Manch ein Mitglied
der Elite unseres Landes ist hier über die Lücken seiner Wirklichkeitssicht und
den Verlust an Bodenständigkeit aufgeklärt worden."
Jutta Limbach, Ehem. Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts
Johano Strasser
"Seit nunmehr 60 Jahren widmen sich die Evangelischen Akademien dem nachdenklichen,
leidenschaftlichen, streitbaren Gespräch über Gott und die Welt.
Was alle Sabine Christiansens dieser Welt nicht leisten können, hier gelingt es
zuweilen: dass am Ende eines solchen Gesprächs alle ein bisschen weniger
selbstgewiss, vielleicht unwissender, aber zugleich weiser geworden sind. Und
wenn, wie in meiner Lieblingsakademie in Tutzing, die bauliche und die natürliche
Umgebung dazu so katholisch prachtvoll ausfällt, dann ist eine Tagung in
der Evangelischen Akademie nicht selten ein lange nachwirkendes Glück."
Johano Strasser, Schriftsteller und Präsident des PEN Club Deutschland
Wolfgang Thierse
"Der Gedanke der Akademiearbeit hat seinen Ursprung in den Erschütterungen
durch das Naziregime. Das Entsetzen über die Barbarei steckte den Menschen
noch in den Knochen. Sie mussten nun lernen, Verantwortung zu übernehmen -
in Parteien und Parlamenten, in Schulen und Universitäten, in der Wirtschaft. Das
ging nur über den Weg der demokratischen Erziehung, der Vermittlung von Werten.
Die Evangelischen Akademien stellten sich dieser Aufgabe. Sie vermittelten
das Gespräch zwischen verschiedenen Interessen, wirkten an dem die Bundesrepublik
tragenden Sozialstaatskonsens mit, mobilisieren gemeinwohlorientierte Kräfte.
Sie sind ein Identitätsstifter unserer Gesellschaft, ein Baustein unserer Demokratie!"
Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident
Christine von Weizsäcker
"Evangelischen Akademien bieten einladende Freiräume für öffentliches Reden
und gemeinsames Nachdenken, wo man weder offensichtlich noch hinterrücks
vereinnahmt wird. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung geben
Ortientierung. Die gesellschaftlich Schwachen, Gefangenen, Fremden, Jungen,
Alten finden Beachtung. Neue politische und technologische Themen werden
angepackt. Manchmal so früh, dass sich noch zu wenig Interessierte für eine
Tagung anmelden. Das kann nur dem passieren, der nicht nur angesagte Themen
nacharbeitet, sondern die Qualität hat, selbst Ansagen zu machen."
Christine von Weizsäcker, Biologin


